In einer Welt der Wohlhabenheit und Wohlanständigkeit, wo die Blumen in den Gärten der Landsitze genauso gepflegt strahlen wie die Gesichter der Menschen, die dort lustwandeln, in so einer Welt stört der Schuft. Aber ohne Schuft gibt es keine Geschichte. Wie soll Spannung aufkommen, wenn die Personen einander immer nur Freude bereiten und zu was anderem auch gar nicht fähig wären?

Vor diesem Dilemma steht Rosamunde Pilcher, wenn sie ihre Plots baut. Grundsätzlich gewährt die Dame nur solchen Figuren Einlaß in ihre Phantasie, die sauber sind: hübsch, hochherzig, nobel und englisch. Aber damit diese Menschen ein Schicksal haben, muß auch mal was schiefgehen; Bosheit und Schmerz müssen ihnen zusetzen, Bösewichte aufkreuzen, um sie zu täuschen, sonst gäb' es nichts zu erzählen. Und Rosamunde Pilcher operiert seufzend den Schuft in ihre Story ein.

Der Rest ihres Personals reagiert mit Abstoßungstendenzen. Niemand will den Bösen dabeihaben, und auch der weibliche Antityp, der vorzugsweise vampmäßig im Minirock auftritt, fällt als Fremdkörper durch. Es ist, als ob sogar die Rabatten, die Kieswege und die Springbrunnen dem Schuft verbieten wollten, sie zu passieren. Aber es muß sein, denn die Träne soll fließen.

Im Fernsehen wird der ganze Krampf schrecklich deutlich. Wenn Anja Schüte, Darstellerin der Traumschwiegertochter im Pilcherschen Kosmos, ihren Mann verläßt, kann man nur sagen: Richtig, Mädchen, dieser Knilch verdient dich nicht, fort mit Schaden. Aber man begreift nicht, daß sie ihn überhaupt finden und dann noch heiraten konnte, schüttelt den Kopf über diese Verirrung und möchte ihr zurufen: Anja, das hättest du doch nicht nötig gehabt, du bist eine Pilcher-Frau. Dir stehen die wohlmeinendsten, wohlsituiertesten, wohlgeformtesten Männer Englands zur Verfügung, und du ziehst die einzige Niete unter lauter Hauptgewinnen!

Nein, mit so völlig unwahrscheinlichen, armseligen, dussligen, blutleeren Schuften kann man vielleicht einen Groschenroman ausstaffieren; aber im Fernsehen, das der Phantasie des Rezipienten viel weniger Raum läßt als die Literatur, macht ein schlechter Schuft das Unternehmen kaputt. Man möchte Anjas Gatten unterm Kinn kitzeln und ihm zuflüstern: Hör doch auf mit dem Quatsch und gib zu, daß du auch ein Guter bist wie alle hier ... Warum macht die Pilcher das nicht: nur Gute auftreten lassen! Zwar wär' das keine Geschichte mehr, doch vielleicht ein Gruselfilm der dritten Art und kultverdächtig.