Auch diese "Tagesschau" beginnt wie immer. Werbespots. Uhr im Sekundentakt. Punkt acht Erkennungsmelodie. Zoom auf die blaue Weltkarte. "Guten Abend, meine Damen und Herr..."

Es schwindet der Ton. Im Halbdunkel des Raums erhebt sich, begleitet vom Piano, die Stimme eines Sängers. "Und es gehet dem Menschen wie dem Vieh ..." stumm protestieren Arbeitslose vor Arbeitsämtern - "... wie dies stirbt, so stirbt er auch ..." - wortlos bewegt die Ansagerin den Mund, unhörbar fahren Limousinen vor, still grinst Saddam Hussein - "... da lobe ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen ..." - ohne Kommentar ziehen vergiftete Alete-Gläschen, Wintersportler und Wetterkarte vorbei - "... nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe".

Die "Vier ernsten Gesänge" von Johannes Brahms verklingen, gehen im anschwellenden "Tää-tä-tä-tää" des Abspanns unter. So lang hat die "Tagesschau" noch nie gedauert, subjektiv empfunden.

Objektiv sind, wie üblich, fünfzehn Minuten vergangen. Zeit: Donnerstag abend, 20.15 Uhr. Ort: Evangelische Akademie Tutzing, Kaminsaal im Schloß am Starnberger See. Anlaß: siebte Tagung im Rahmen des Projekts "Ökologie der Zeit". Thema: "Please hold the line! Zeitgestalten der Medien. Zeit gestalten mit Medien."

Hundertzwanzig Menschen stehen auf, recken ihre Glieder, reiben sich nach dieser multimedialen Performance die Augen, wechseln wortkarg und im Gänsemarsch den Saal. Nebenan wartet ein Professor für Sozialwesen der Fachhochschule Münster mit dem Thema "Kampf gegen die Langeweile". Redezeit zirka sechzig Minuten. Oder gut 1300 Videoclipschnitte.

Aber hier gibt's keine Schnitte. Und hier zappt sich niemand weg. Auch nicht, als Professor Martin Doehlemann, ein Gelehrter in den Fünfzigern mit sehr hoher Stirn, anhebt, ein Kapitel aus Gontscharows Roman "Oblomow" vorzutragen, in dem in epischer Breite ein ereignisarmer Abend im Hause eines russischen Großbürgers Mitte vergangenen Jahrhunderts geschildert wird.

Aah. Langeweile als literarischer Abenteuertrip. Hundertzwanzig Menschenlebensstunden gefüllt ohne ARD (20.15: "Abenteuer Zoo"), RTL (20.15: "Dr. Stefan Frank") oder Sat.1 (20.15: "Kommissar Rex). Ohne Videoclips (MTV, Viva) und Kinobilder (KurTheater Tutzing: "Comedian Harmonists"). In keinem stern geblättert und auch in keiner ZEIT. Und nicht ein einziges Handy bimmelt.