So viel Zeit! Nimmt sich ein moderner Multimedienmensch nie. Es sei denn, es gehört zum Programm. "Allzeit und allerorten Zeitnot", hat Tagungsleiter Karlheinz Geißler, Professor für Wirtschafts- und Sozialpädagogik, in seiner Eröffnungsrede (Titel: "Alles immer und überall und sofort") zur Tagung konstatiert. Und seinen Zuhörern sogleich jede Hoffnung genommen, daß dies hier und jetzt anders sein könnte: "Das Reden über ,Zeit' erlöst uns nicht vom Zeitdruck, im Gegenteil, es produziert ihn." Denn "wir können noch so schnell" - oder effizient oder eloquent oder larmoyant - "sein, der Zeit entkommen wir nicht".

Echt. Auch der Vortrag, dieses fernbedienungsfreie Uraltmedium, läuft in Echtzeit. Und da es über die neuen Medien, diese Zeitdiebe, soviel zu sagen gibt, hat Klaus Beck 45 Minuten für das Thema "Zeitgestalten der Medien" Dauer und Geschwindigkeit, Aktualität und Periodizität, Sequenzierung, Programming und Serialität - und "Zeit gestalten mit Medien".

Letzteres, sagt der junge Mann von der Universität Erfurt, sei aus Sicht der Kommunikationswissenschaft "mindestens ebenso komplex" wie das Zeitgestalten der Medienmacher: "Aktive Mediennutzer" - das könnten beispielsweise fernsehende ZEIT-Leser sein - "verfügen über ein Maß an kognitiver Autonomie und Handlungsfreiheit, das den Kommunikatoren mitunter Kopfzerbrechen bereitet oder sie doch zur Antizipation des vermuteten Nutzungshandelns zwingt".

Sehr schön formuliert. Endlich spricht jemand aus, daß es Leben jenseits der vor ihrer Glotze hindämmernden couch potatoes gibt. Stellen wir uns einen solchen Medienaktivisten vor, wie er uns Kommunikatoren Kopfnüsse aufgibt: Im Hintergrund läßt er sein Radio dudeln ("Zeitfüllen"), während er am PC im Internet surft ("Zeitsparen") und sein Videorecorder einen Film im Fernsehen aufzeichnet ("Zeitverdichtung"), was ihm später die Möglichkeit der "Zeitdehnung" eröffnet; zwischendurch bemüht er sich, verbleibende unstrukturierte "Zeit zu strukturieren", indem er "habitualisiertes" oder gar "ritualisiertes Medienhandeln" übt und Punkt acht die "Tagesschau" einschaltet, wobei er - Gipfel der kognitiven Autonomie - nebenbei noch seine Hemden bügelt.

Oblomow hätte derlei abendliche Hektik gewiß als unerträglich empfunden. Aber, argumentiert Klaus Beck, solcherart "sinnvolle Integration unterschiedlicher Zeiterlebnisse in ein Chronotop, also eine zeitlich komplex strukturierte Lebenswelt", ermögliche ein "zeitökologisches Gegensteuern". Will sagen: Die Medien können sich technisch bis an die Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und die Medienmacher keinen zusammenhängenden Satz mehr ungeschnitten lassen - den souveränen Mediennutzer ficht das nicht an. Er überläßt die Raserei den Hektikern und nutzt die Vielfalt dort und dann, wo und wann er will. Wenn es sein muß, immer und überall und sofort. Oder, wenn ihm statt nach "Echtzeit" nach "Eigenzeit" ist, auch gar nicht.

Was nicht ins Raster paßt, bleibt auf der Strecke

Da kommt Unruhe auf im Plenum. Ein gefährlicher Zeit-Genosse, dieser Medienaktivist. Läßt seine Existenz doch den Verdacht keimen, die Beschleunigung der Medienwelt sei vielleicht doch keine Verschwörung finsterer Medienmogule zur chronischen Versklavung der Menschheit. Sondern Angebot von Vielfalt zur gefälligen Selektion. Also auch zum Abschalten.