Der Mediennutzer als Kunde, gar als König? Als Symbiont der Medienmacher im Chronotop? Solche Analogien aus Ökonomie und Biologie schmecken einem guten Teil des Tutzinger Publikums nicht so recht. Das ist nicht ihre Öko-Logie. "Ich fand es einfach besser", seufzt eine Dame, "als die Fernsehprogramme noch übersichtlich und kulturvoll waren!"

Das finden, eigentlich, auch die als Referenten geladenen Funk-, Fernseh- und Printjournalisten. Redakteur Heiner Müller vom Bayerischen Rundfunk trifft die Stimmungslage, als er Hans-Dieter Hüschs herrlichen, prophetischen Sketch "1 : 30" aus dem Jahr 1986 abspielt ("In Ihrem Text wird zu viel gesprochen" - "Soll ich ihn denn singen?"). Fabelhaft, diese frühe Satire auf den Häppchenjournalismus und die "Newsbite"-Kultur mit ihren Schlagzeilen-Nachrichten.

Seltsamerweise hat sich ebendies weitgehend durchgesetzt. Weitgehend. Denn, so berichtet Claus-Peter Lieckfeld, einst Redakteur bei natur, als ihm der Dudelfunk zu sehr auf die Nerven ging, habe er aktiv nach Sendungen seines Geschmacks gesucht - und sei zu seiner Überraschung fündig geworden.

Dennoch: Der Aktualitäts- und damit Beschleunigungsdruck der elektronischen Medien auf die Printmedien ist real. Konkurrenz um die knappste Ressource jedes Lesers oder Hörers oder Zuschauers - dessen Zeit - erzwingt kürzere Artikel und erhöht den Streß der Redakteure. Was nicht ins Raster paßt, bleibt auf der Strecke. Aber hat nicht schon Karl Valentin dieses Dilemma mit einer unübertrefflichen Bemerkung auf den Punkt gebracht? Es sei doch immer wieder erstaunlich, daß genau so viel in der Welt passiere, wie in eine Zeitung hineinpaßt.

Notabene: Jenseits der Schlagzeileneinfalt gibt es weiterhin Monatsmagazine und Bücher. Jede Menge, auch zum Thema "Ökologie der Zeit", wie auf den Tischen im Vorraum der Tutzinger Akademie zu sehen ist.

Also dann. Bis zur nächsten, zur achten Tagung der Tutzinger Zeitakademie. Am Starnberger See. Mit diesen wunderbaren Pausen. In denen wir - aah, zwanzig Minuten bis zum nächsten Vortrag - den ruhig übers Wasser gleitenden Schwänen nachschauen und unseren Blick treiben lassen, hinüber ans andere Ufer, hinauf zu den Gipfeln des Karwendelgebirges, bis das Gesicht voll im wärmenden Licht der Februarsonne liegt. Nun die Augen schließen und die Seele baumeln lassen ...

"Bimmellingelling." Das muß man den Tutzinger Zeit-Ökologen lassen. Sie klauen unsere Zeit mit Stil. Messingglocke, handgeschwungen.