Alte Grenzen in jungen Köpfen

Die Universität Greifswald hatte es nur gut gemeint mit Sandra. "Herzlich willkommen." Das schrieb die Hochschule und legte eine Broschüre für Erstsemester bei. Sandra wollte es nicht wahrhaben. Die angehende Medizinstudentin aus dem niederrheinischen Kleve hatte fest mit einem Studienplatz in Heidelberg oder Münster gerechnet. Aber Greifswald? Sandra griff zum Atlas und dann zum Telephon. Noch am selben Tag stellte sie einen Antrag auf Studienplatztausch.

Ein Studium im anderen Teil Deutschlands? Nicht nur für Sandra Boskamp ist das unvorstellbar. Alle reden von Globalisierung und träumen von der weiten Welt. Kaum einer blickt jedoch auf das eigene Land und fragt sich, was die Studenten in Ost- und Westdeutschland verbindet und was sie trennt. Wie steht es um Deutschlands Studentenschaft im Jahre acht der deutschen Einheit? Eine Spurensuche in Leipzig und Dortmund, Schwerin und Konstanz.

Statistik an Statistik reiht sich in den Regalen von Ulrich Heublein. In seinem Büro nahe der Thomaskirche in Leipzig hat der promovierte Soziologe den Überblick über die deutsche Studentenschaft, soweit sich diese in Fragen und Antworten, in Tabellen und Diagrammen erfassen läßt. Heublein ist Mitarbeiter des Hochschul-Informations-Systems (HIS), das jedes Jahr im Auftrag des Bundesbildungsministeriums Tausende Studienanfänger befragt. Aus seinen Regalen zieht er mit sicherem Griff die gewünschten Statistiken. Zum Beispiel über die Mobilität der Studienanfänger: Nur jeder zwanzigste zog im Wintersemester 1995/96 in den jeweils anderen Teil Deutschlands. Von den 200 000 Erstsemestern gingen nur knapp über 10 000 von West nach Ost oder umgekehrt, wobei sich die westdeutschen Studienanfänger besonders unbeweglich zeigten.

Diese Zahlen allein müssen nicht beunruhigen. Zum einen erfaßt die Statistik nur Studienanfänger, nicht aber spätere Hochschulwechsler. Andererseits sind hiesige Studenten ohnehin Muttersöhnchen: Rund zwei Drittel wählen eine Hochschule in Heimatnähe.

Doch die HIS-Untersuchungen offenbaren noch anderes: die Motive der jungen Leute, ihr Studium gerade nicht im anderen Teil Deutschlands zu beginnen. Die "eher mentalen Barrieren nehmen alles in allem an Bedeutung zu", schreiben die Forscher nach Auswertung von über 8000 Antworten. Gründe wie "Mentalität ist mir fremd" seien verstärkt genannt worden. Deshalb warnen sie in ihrem Bericht von 1996, daß "neue Barrieren entstehen könnten, die der weiteren Integration entgegenwirken".

Eine "Zwangsintegration" betreibt seit Jahren die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund, indem sie vielen westdeutschen Bewerbern einen Platz in Ostdeutschland zuweist. Von Medizinstudenten aus den alten Ländern wurde sie deshalb schon "Zentrale Verschickungsstelle" getauft.

"Als hätten wir ihre Kinder verbannt", sei er von erbosten Eltern beschimpft worden, klagte der ZVS-Chef Henning Berlin vor vier Jahren. Heute wiegelt sein Pressesprecher Bernhard Scheer ab: "Die Beschwerden haben deutlich nachgelassen." Früher hätten manche Bewerber erst durch den Zulassungsbescheid erfahren, daß Greifswald über eine Hochschule verfüge.

Alte Grenzen in jungen Köpfen

Mittlerweile aber, sagt der Pressesprecher, habe sich das Bild durch Berichte in den Medien und Erzählungen anderer Studenten gewandelt.

Eine Serie von Werbeanzeigen, die das Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern vergangenes Jahr schaltete, läßt anderes vermuten.

Drei junge Menschen blickten den Lesern von ZEIT und Spiegel ins Gesicht, ernst, schwarzweiß und ganzseitig. Links neben ihrer Stirn waren Gründe für ein Studium im Nordosten Deutschlands zu lesen: "weil mich die Weite der Landschaft immer neu inspiriert" (Monika), "weil ich hier Mensch bin, und nicht Masse" (Matthias), "weil ich mich hier auf das Wesentliche konzentrieren kann" (Stephanie). Die Studienorte von Monika, Matthias und Stephanie: Rostock und Greifswald. Ihre Heimatstädte: Regensburg, Oberhausen und Hamburg.

"Wir brauchen im Osten mehr Ausländer und Westdeutsche"

Daß alle werbetauglichen Studenten "Wessis" sind, ist kein Zufall. Die Anzeigen zielten in erster Linie auf Studienbewerber in den alten Ländern.

"Wir brauchen mehr Kontakt mit Ausländern und Westdeutschen", heißt es im Schweriner Kultusministerium. Kontakt allein jedoch bringt noch keine Annäherung, sondern verstärkt womöglich die "Tendenzen des gegenseitigen Abgrenzens und Abschottens", wie sie die Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz in einer 1996 vom Bundesbildungsministerium herausgegebenen Studie feststellt. 9000 Studierende antworteten auf die Fragen der Arbeitsgruppe, nicht einmal jeder zweite von ihnen wünschte sich einen stärkeren Kontakt zu Kommilitonen aus dem anderen Teil Deutschlands.

Das führen die Forscher in wohlformulierten Worten vor allem zurück auf "Erfahrungen, die ein Zurückziehen auf die vertrauten Verkehrskreise im eigenen Teilgebiet nahelegen". Sie kommen zu dem Schluß, daß sich "die innere Distanz" vergrößert habe und selbst "im Hinblick auf die längerfristige berufliche Zukunftsplanung von den Studierenden wenig Mobilität zwischen den alten und neuen Ländern zu erwarten ist".

Alte Grenzen in jungen Köpfen

Zwar wird immer wieder betont, wie wichtig der Studentenaustausch für die Einigung Europas sei. Auch die meisten Erstsemester haben längst den europäischen Markt im Blick und stellen sich vom ersten Semester darauf ein.

Andererseits wird es achselzuckend hingenommen, daß der Austausch zwischen Ost- und Westdeutschland nicht in Schwung kommt.

Sandra, die Medizinstudentin von der niederländischen Grenze, zog tatsächlich nach Greifswald. Anfangs bemühte sie sich ständig um einen Studienplatztausch. Selbst diejenigen Kommilitonen, die für einen Platz im Westen mehrere tausend Mark boten, suchten freilich vergeblich. Nach drei Monaten exmatrikulierte sich Sandra Boskamp schließlich. Medizin studiert sie heute nicht mehr, dafür ist sie endlich an ihrer Wunschuniversität Heidelberg eingeschrieben, wo sie Sprachen studiert. Das vergangene Semester hat sie in Grenoble verbracht. Nach dem halben Jahr in Greifswald, spötteln Freunde, schon ihr zweites "Auslandssemester".