Geheimnisvolle Kommandos suchten 1996 Geschäfte im Hamburger Stadtteil Wandsbek heim: Im Schutz der Nacht sprühten sie Buttersäure, eine übelstinkende Chemikalie, durch Schlösser und Türschlitze von Schuh- und Fischgeschäften, einer Pelzhandlung und einem Anglerladen. Nun stehen der 33jährige Sven A. und sein 26jähriger Kumpan Christian H. wegen dieser Anschläge vor dem Wandsbeker Amtsgericht.

Zugeben möchten die beiden ihre Taten zunächst nicht. Dennoch hat die Staatsgewalt offenbar keine Unschuldigen angeklagt: Im Zuschauerraum haben sich jugendliche Unterstützer und grauhaarige Kader der "Bundesvereinigung der TierbefreierInnen" versammelt. Pelze, Angler, Fisch und Leder - die obskure Truppe stört sich am Nutzen, den Menschen aus Tieren ziehen. Nach der Anschlagsserie 1996 hatte sie sich in einem Schreiben stolz der Stinke-Attentate bezichtigt. Nun läßt sie die ertappten Mitkämpfer nicht im Stich.

Alle Zeugenaussagen deuten daraufhin, daß militante Tierfreunde den Hamburger Osten systematisch terrorisiert haben. Im Angelshop hat man inzwischen Routine im Umgang mit Buttersäure. "Türschloß raus und schrubben, immer wieder schrubben. Da haben wir Erfahrung mit, das ist schon normal", sagt Verkäufer Thorsten S. Zum Glück hätten die Kunden für den Gestank Verständnis: "Die werden ja auch beim Angeln angegriffen und mit Steinen beworfen." Ingeborg G.s Schuhgeschäft ist dagegen erst einmal attackiert worden. Die Ladeninhaberin hatte den Geruch fälschlich einem gebrochenen Abflußrohr zugeordnet, bis die Polizei sie aufklärte. Was der "Spinnkram" bedeuten möge, könne sie nicht erklären, bedauert die Zeugin. Vor Gericht zeigt sie Mut und tritt der militanten Szene im Pelzmantel entgegen.

Ein anderes Schuhgeschäft mußte Kinderschuhe wegwerfen. "Die konnte ich keinem Kunden mehr einpacken", berichtet der Besitzer entnervt. Pelzhändlerin Marion S. nahm den Anschlag zum Anlaß, ihr Geschäft komplett zu renovieren - angeblich war der Gestank nicht mehr auszuhalten. Bislang hofft die Geschäftsfrau allerdings vergebens, daß ihre Versicherung die Kosten von 11 000 Mark als Schaden anerkennt.

Die Unterstützer amüsieren sich köstlich über die Not der Geschädigten ihr lautes Prusten unterbricht immer wieder die Verhandlung. Derweil sehen die Angeklagten aus, als wollten sie beweisen, daß man es auch mit veganer Ernährung zu etwas bringen kann: Rosig glänzt der Nackenspeck unter kurzgeschorenem Haar. Trotz ihrer Attacken gegen Schuhläden verschmähen sie selbst Lederschuhe nicht.

Die Aktivisten gingen in die Falle, als sie das Fischgeschäft von Thomas B.

zum wiederholten Male heimsuchten. Diesmal guckten sie ins Auge einer eigens für sie installierten Kamera. Bei der folgenden Hausdurchsuchung fand die Polizei belastende Videos mit heroischen Befreiungsaktionen von Pelztieren im Sauerland, aber auch halbgeleerte Eimer schnellbindenden Zements, eines Materials, mit dessen Hilfe militante Tierschützer die Tore von Hamburger Bulettenbratereien blockiert haben.