BERLIN

Otto von Bismarck war empört. Nach einem Besuch des Friedhofs der Märzgefallenen im Berliner Friedrichshain am 15. September 1849 schrieb er seiner Frau Johanna: "Nicht einmal den Toten konnte ich vergeben, mein Herz war voll Bitterkeit über den Götzendienst mit den Gräbern dieser Verbrecher, wo jede Inschrift auf den Kreuzen von ,Freiheit und Recht' prahlt, ein Hohn für Gott und die Menschen."

In der Reaktionszeit nach 1850 ließen die Behörden die Wege zur Grabstätte umpflügen und zäunten den Platz mit Brettern ein. Nichts sollte mehr an den 18. März 1848 erinnern, jenen denkwürdigen Tag in Preußens Geschichte, als das Volk von Berlin gegen die Obrigkeit aufstand und Tausende von Barrikadenkämpfern das verhaßte Militär in die Flucht schlugen.

Es hat den Anschein, als schämten sich Berlins Regierende auch heute noch der Freiheitsfreunde von 1848. Denn der CDU/SPD-Senat hat sich sehr spät und dann auch nur halbherzig der Frage angenommen, wie denn des 150. Jahrestags der Märzrevolution zu gedenken sei. Dabei hatte bereits ein Anfang November 1996 eingebrachter Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus den Senat aufgefordert, sich rechtzeitig Gedanken zu machen: "Für Berlin ist der 18. März ein herausragendes Datum der revolutionären Ereignisse." Doch während in Karlsruhe, Frankfurt am Main und anderen Orten eifrig Vorbereitungen getroffen wurden für die Gedenkfeiern, übte sich die Große Koalition in Berlin in Zurückhaltung.

Vor fünfzig Jahren, als Berlin noch in Trümmern lag, sah das anders aus.

Damals gab es auf Initiative des Magistrats eine Fülle von Aktivitäten zur hundertsten Wiederkehr der 48er Revolution. Der 18. März wurde auf Antrag aller Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung zum gesetzlichen Feiertag erklärt. In einer lebhaften Debatte rief der liberale Politiker Hans Reif aus: "Die Stadt Berlin hat mit der Revolutionsfeier vom 18. März die Gelegenheit, der Welt ins Gedächtnis zu rufen, daß auch Deutschland eine demokratische Tradition hat. Wir haben bitter nötig, daß die Welt uns das glaubt."

Das war damals nötig und ist es heute nicht minder. Welche Chance hätte sich für die neue Hauptstadt des vereinigten Deutschland geboten, vor aller Welt zu demonstrieren, daß sie sich den demokratischen Traditionen der Revolution von 1848 verpflichtet fühlt und eben nicht den illiberalen und imperialen des ersten deutschen Nationalstaats, an die nicht nur die Siegessäule so herausfordernd erinnert. Gäbe es nicht den Druck aus den Bezirken und von Bürgerinitiativen, allen voran der Aktion 18. März - Berlins Regierende hätten vermutlich das Revolutionsgedenken gänzlich verschlafen.