Schlagt sie tot, es sind Spekulanten! In lausigen Zeiten richtet sich der Volkszorn gern gegen die Börsianer - mal mehr, mal weniger heftig. So wie kürzlich, als zwar nicht das zornige Volk, aber doch die PDS vor der Frankfurter Börse gegen das Spekulantentum demonstrierte.

Hätten die Genossen vorher bloß bei Bertolt Brecht nachgelesen. Dann hätten sie sich den Ausflug an den Main sparen können. Der Dichter hatte sich lange mit dem Thema beschäftigt, weil er ein Börsendrama schreiben wollte. Doch er brach die Arbeiten ab, denn er erkannte, daß die Börse keineswegs das Herz des Kapitalismus ist, sondern nur ein Nebenkriegsschauplatz. Ein Handelsplatz eben, wo Wertpapiere, Firmenanteile und Rohstoffe ihren Besitzer wechseln, wo Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen.

Auf den ersten Blick sind die Börsianer die reinsten Schmarotzer. Sie stecken ihr Vermögen in spekulative Geschäfte statt in die Schaffung von Arbeitsplätzen. Doch - und das hat schon Karl Marx so gesehen - kann man ihnen das nicht vorwerfen. Vielmehr bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Denn sie müssen ihr Geld so anlegen, daß es sich rentiert. Und wenn Börsengeschäfte mehr bringen als Investitionen in die reale Wirtschaft, dann ist das zwar tragisch, nicht aber die Schuld der Börsianer. Sie profitieren ab und an von der Not anderer, aber sie verursachen sie nicht. Brecht hat das begriffen. Obwohl das fallengelassene Drama sicher ein wunderbares Rührstück geworden wäre. Eine Farmerfamilie sollte auftreten, die durch eine schreckliche Mißernte in Not gerät. Dazu der angeblich skrupellose Weizenspekulant Jae Fleischhacker aus Chicago, der aus ebendieser Mißernte Kapital zu schlagen versucht. Fleischhacker hat es wirklich gegeben. Vor etwa neunzig Jahren zog er die Wut der Massen auf sich, weil die Leute in seinen Spekulationen - irrtümlicherweise - die Ursache für die hohen Brotpreise sahen. Doch am Ende stand er genauso arm da wie die Farmerfamilie. Im Grunde sind sie eben auch nur Verdammte dieser Erde, die Spekulanten.