An diesem Montag sprach Klaus Kinkel ganz leise. In Europa herrsche "Einigkeit, daß die EU dieses Jahr keine China-Resolution" vor die Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen trage. Bonns Außenminister hielt den Kopf gesenkt, las kleinlaut vom Blatt: Dem Regime in Peking seien "einige positive Entwicklungen in den letzten Monaten" zu bescheinigen.

Diesmal also kein Protest gegen all das, was amnesty international im Reich der Mitte noch immer ausmacht: "Tausende politische Gefangene" etwa, "Folterungen und Mißhandlungen", auch "Massenexekutionen". Seit 1989, seit dem Massaker von Tienanmen, haben Europäer die chinesische Regierung für solcherlei Praktiken alljährlich an den Pranger gestellt. Jetzt nicht mehr.

Schweigen im Saal.

Schon im vorigen Jahr hatten Paris und Bonn eine gemeinsame EU-Demarche gegen Pekings Machthaber verhindert angeführt von Dänemark, mochten sich 1997 nur noch zehn der fünfzehn Partner zum symbolischen Akt aufraffen. Die Führung in Fernost tobte, sagte reihenweise Staatsbesuche ab, stornierte lukrative Aufträge. Europäische Diplomaten zu Peking schaudert es heute noch, wie "zersplittert wir damals dastanden - die EU existierte hier nicht mehr".

Wenige Wochen später hätten die Wirtschaftsattachés der nationalen Botschaften "dann wieder mit den Füßen um Geschäfte gescharrt". Sir Leon Brittan, als EU-Kommissar in Brüssel für Handelspolitik und Ostasien zuständig, nennt die EU-Vorstellung von 1997 "ein Desaster".

China soll als globale Macht anerkannt werden

In Bescheidenheit finden die EU-15 zueinander: Vor zwölf Monaten hatten sie ein Papier, auf das sie sich nicht einigen konnten - nun einigen sie sich, erst gar kein Papier zu China zu verschwenden. Die Moral solcherlei "gemeinsamer Außenpolitik" tendiert gegen Null. Aber darauf, so scheint es, läßt sich bauen: Allmählich entblättert sich in Brüssel ein neuer Trend im Umgang mit China. Das Motto hat kürzlich Sir Leon vorgegeben. "Engaging China", China einbinden in internationale Regeln und Strukturen. Der EU-Kommissar hat sich umgehört in Europas Hauptstädten und spürt, wie sich der Wind dreht. Wandel für den Handel, das schafft Jobs.