Die Wege zum Euro sind verschlungen. Auswärtige Besucher des Europäischen Währungsinstituts (EWI) in Frankfurt können davon ein Lied singen. Bevor sie ans Ziel gelangen, müssen sie bisweilen eine unfreiwillige Stadtrundfahrt in Kauf nehmen. Wer beispielsweise am Rhein-Main-Flughafen mit dem knappen Hinweis: "Zum Eurotower!" ein Taxi besteigt, landet nicht selten unter dem Fernmeldeturm gleich neben der Deutschen Bundesbank, mehr als drei Kilometer Luftlinie vom EWI entfernt. Die Irrfahrt sollte man den Taxichauffeuren nicht allzu übel nehmen. Noch ist die Bezeichnung Eurotower für das 150 Meter hohe Domizil des EWI wenig populär, und es kommt immer wieder zu Verwechselungen mit dem Europaturm, wie der riesige Sendemast der Deutschen Telekom heißt.

Derlei Mißverständnisse dürften bald der Vergangenheit angehören. Das einst von der BfG-Bank genutzte Hochhaus am Theater hat gute Chancen, zu einem international bekannten Wahrzeichen der Mainmetropole zu werden. Wenn alles nach Plan verläuft, mutiert das EWI im Laufe dieses Jahres zur Europäischen Zentralbank (EZB), die vom 1. Januar 1999 an das geldpolitische Zepter in der Europäischen Währungsunion schwingen wird. Die Kontrolle über das künftige Zahlungsmittel für annähernd 300 Millionen Europäer katapultiert die neue Notenbank mit einem Schlag in die Riege der mächtigsten Institutionen auf dem Globus. Hinter der grün-grauen Fassade des Frankfurter Hochhauses wird dann nicht nur entschieden, was das Gemeinschaftsgeld Euro wert ist, wieviel es an Zinsen kostet und abwirft. Die dort getroffenen Beschlüsse beeinflussen auch wesentlich die künftige Entwicklung von Konjunktur und Beschäftigung auf dem Alten Kontinent, ja sogar auf der ganzen Welt. Im Eurotower herrscht demnächst die Europower.

Die Vorbereitungen für die Machtübernahme laufen auf vollen Touren. Anfang Mai entscheiden die Staats- und Regierungschefs aus den fünfzehn Mitgliedsländern der Europäischen Union auf einer großen Konferenz in Brüssel, welche Staaten dem neuen Währungsclub angehören werden. Gleichzeitig wird die Geschäftsführung der Europäischen Zentralbank, das Direktorium, ernannt - und damit die EZB formell errichtet. Sie hat zunächst zwar noch keine geldpolitische Kommandogewalt - die verbleibt bis zum Ende des Jahres bei den nationalen Notenbanken -, sorgt aber dafür, daß diese ihre Zinsbeschlüsse mit Blick auf den Euro-Start Anfang 1999 untereinander eng abstimmen.

Die meisten der rund 350 EWI-Beschäftigten dürften stolz darauf sein, an diesem außergewöhnlichen Experiment mitwirken zu können. "Das ist eine einmalige Chance", schwärmt ein EWI-Mann und hat dabei nicht nur seine eigene Karriere, sondern auch die Auswirkungen des gemeinsamen Geldes für den europäischen Einigungsprozeß vor Augen.

Ohne diese doppelte Motivation - die Überzeugung, an einer beruflich hoch spannenden und politökonomisch sinnvollen Veranstaltung teilzunehmen - könnten die Mitarbeiter des Instituts wohl kaum den Streß aushalten, unter dem sie stehen. Ein Zwölf-Stunden-Tag ist im EWI ebensowenig die Ausnahme wie Arbeit am Wochenende. Das vor vier Jahren gegründete EWI stand von Anfang an unter erheblichem Termin- und Leistungsdruck. Und die ihm gestellte Aufgabe, binnen relativ kurzer Zeit eine gemeinsame Währung vorzubereiten, bedeutet, einen Wust von Problemen aus dem Weg zu räumen. Unter ihnen zählt die Entscheidung, wie die künftigen Banknoten aussehen sollen, noch zu den geringeren. Schwieriger gestaltete es sich, höchst unterschiedliche geldpolitische Konzepte und Strukturen unter einen Hut zu bringen, ohne die einzelnen Nationen allzusehr zu düpieren. Jedes EU-Mitgliedsland verfügt schließlich über ein anderes System, nach dem die jeweilige Notenbank die Wirtschaft mit Geld versorgt.

Wer hier mitarbeiten will, muß die nationale Brille am Empfang abgeben

Obwohl es bisweilen ans Eingemachte ging, lief die Vorarbeit für die Harmonisierung der Geldpolitik zumindest innerhalb des EWI anscheinend problemlos ab. Jedenfalls drangen bislang keine Nachrichten über größere Streitereien aus dem Eurotower an die Öffentlichkeit. Das ist um so erstaunlicher, als die Belegschaft des Instituts bis hinein in die einzelnen Abteilungen ein buntes Nationalitäten-Gemisch bildet. Zum größten Teil kommen die Beschäftigten - Juristen und Volkswirte, Computer-Experten und Verwaltungsfachleute - aus den Notenbanken der fünfzehn Mitgliedsstaaten.