Das Unbehagen an der Politik vermengt sich mit dem Unbehagen an den Medien. Politikschelte und Medienschelte vereinen sich zum Hintergrundrauschen. Das ist ein neues Phänomen unserer Gesellschaft: die Mediendemokratie. Das Wort erklärt zwar nichts, aber es klingt besser als das andere simple Wort vom Versagen der Politik.

Die SPD hat es mit ihren Kandidatenspielen vor der Niedersachsenwahl auf die Spitze getrieben: Sie inszenierte ihre personelle Alternative - Lafontaine oder Schröder - und damit zugleich das Versprechen auf politische Alternativen. Das Versprechen galt es wachzuhalten. Je ungeduldiger die Medien nach der personellen Alternative fragen, weil sie die politische Alternative suchen, desto eifriger wird diese vertuscht. Je konsequenter vertuscht wird, desto gereizter forschen die Medien danach. Die erregte Öffentlichkeit wird darüber zum Philologenverband und verfällt in die Obsession der Textexegese: Was hat Lafontaine genau gemeint? Wie ist hier Schröder zu verstehen?

Wehe, die Partei würde über die wirtschafts- oder sozialpolitischen Alternativen ernsthaft streiten! Dann könnte man ja anhand der politischen Alternativen die personelle Alternative prüfen.

So aber tanzt die Öffentlichkeit nach dem Menuett der SPD mit ihrer Parteidisziplin. Nur noch der kleine Unterschied zählt - wie am feudalen Hofe. Wie trägt man das Kostüm "Innovation & soziale Gerechtigkeit" in dieser Saison: links- oder rechtsherum geknöpft? Über allem schwebt die Parole, die gar keine Parteien mehr kennt: Das Land braucht einen Wechsel!

Das Spiel dauert, der Überdruß wächst. Daß die personelle Alternative Lafontaine oder Schröder etwas mit einer politischen Alternative zu tun hat, ist allen klar. Sonst wäre das Schweigegebot im Namen der Parteidisziplin pure politische Scharlatanerie. Aber was ist aus den Kandidaten geworden, nachdem sie ein Jahr lang als vermummte Propheten und kastrierte Charismatiker aufgetreten sind? Wollen sie etwa nach der Wahl hart und deutlich dem staunenden Volk eröffnen, gegen wen und mit wem sie ihre neue Politik machen werden?

Oskar Lafontaine hat schon einmal gesagt, was sein erster Schritt sein würde: ein Bündnis für Arbeit. Welche Sensation! Spricht so ein Protagonist der Veränderung? So spricht eher die Schattenexistenz des großen allgemeinen Kohlschen Sozialdemokratismus. Lafontaines und Schröders Generation will ohne großes politisches Risiko in der Sänfte des Konsenses ganz oben ankommen. In der Gunst der Stunde wollen sie nichts wagen und bloß nichts verspielen. Auch sie sind Teil der politischen Klasse, die es geschafft hat, trotz (oder wegen) der radikalen Veränderungen in Deutschland seit 1989 zu überleben - die versteinerte Alternative versteinerter Strukturen.

Die Regierung hat abgewirtschaftet, die Opposition sagt es die Regierung ist kompromißunfähig, die Opposition hilft dabei die Regierung will die Reform, die Opposition will sie machen. Das platte Schema wird ein bißchen verwischt durch Parteiprogramme, Sofortprogramme, Aktionsbündnisse, die weder Aktion noch Bündnisse zustande bringen. Die SPD hat trainiert, die Stagnation zu beschwören, um sich als Kraft der Veränderung zu beweisen. Aber die Zweifel wachsen. Die Genossen sagen es selbst: Da gab es vor kurzem das Satyrspiel um zwei Papiere der "SPD-Linken" - sie wollten Lafontaine nützen, der das aber unnütz fand. Der öffentliche Philologenverband stürzte sich also in Textexegese. Das einzig aufschlußreiche Wort wurde leicht übersehen: In diesen Papieren hieß es, der Partei fehle für den Wechsel die "Mega-Botschaft".