Heiß streift sein Atem meinen Nacken. Mir wird eiskalt. Was wird er tun?

Wird er spucken? Wird er treten? Nichts passiert. Er starrt mich nur aus riesigen dunklen Augen leicht gelangweilt an.

Vor einer halben Stunde erst haben wir uns getroffen. Zu einer Wanderung der besonderen Art: Jedem von uns wird eine Schnur in die Hand gedrückt. Am anderen Ende - ein Lama, lebensgroß und lebendig.

King ist es gewohnt, von Touristen Gassi geführt zu werden: Wir machen Lama-Trekking. Jedoch nicht in den Anden, nicht in Chile oder Peru, sondern mitten in den Alpen, in Ehrwald in Tirol.

Zweifelsohne fürchten wir uns mehr vor den Lamas als sie sich vor uns. Denn fremd sind sie uns schon, die fast pferdegroßen Tiere mit ihrem zotteligen dicken Pelz, aus dem lange, dünne Beine herauswachsen. Spucken, für das sie doch so berüchtigt sind, beruhigt uns Hans Kronspiess, der Organisator, würden Lamas nur, wenn sie sich angegriffen fühlen - oder in Liebeshändel verstrickt sind.

Gemächlich und voll unendlicher Gleichmut, ihren engsten Verwandten, den Kamelen, ähnlich, trotten die Lamas durch den an der Sonnenseite schon schütter gewordenen Schnee. Beladen mit unseren Rucksäcken sowie aktenkoffergroßen grünen und roten Geflechten - den Schneeschuhen, auf denen wir gleich durch den Wald stapfen werden.

Ganz sanft geht es bergan. King und seine acht Gefährten - allesamt männlich, wären Stuten dabei, könnte es ob manch eines Techtelmechtels unruhig werden - scheinen keine Eile zu haben. King läßt kaum einen Strauch aus, um daran zu knabbern. Aber mein Lama läßt mit sich reden. Ein paar aufmunternde Worte und ein energisches Ziehen an der Schnur, schon stakst es majestätisch weiter.