Das Auffallendste an diesem neuen Museum ist, daß es nicht auffällt. Von Stockholms Altstadt her, das überdimensionale Schloß im Genick, eine Kaserne für demokratische Monarchen, sieht man über das Wasser hinweg die Insel Skeppsholmen liegen, freundlich und locker übereinandergeschichtete Bauten, Schiffe davor. Eine flache, grüne Kuppel mit Laterne, sonst nichts, was auffällig wäre. Erst wenn man, zwei Brücken gibt es zu überqueren, auf der kleinen Insel angelangt ist und den Hügel hinaufgeht (der zum guten Teil aus Granit besteht, Stockholm ist auf siebzehn Felseninseln gebaut), sieht man hinter dem gelben Flachbau des alten Museums und links davon das neue Haus: falunrot, wie sich's für skandinavische Häuser zwischen Wassern und Bäumen gehört, locker aneinandergefügte Pavillons, so scheint es, mit quadratischen Dachaufbauten und 23 Laternen, die innen für Tageslicht s orgen und draußen aussehen wie viereckige Kurzschornsteine.

Nur von der anderen Wasserseite her, von der Insel Djurgården aus, sieht man, was da nach dem Abtransport von 50 000 Tonnen Granit in den Stein gesetzt wurde: ein Haus mit drei Ebenen, von denen zwei für Ausstellungen zu nutzen sind. Daneben, aber nun sind wir wieder auf Skeppsholmen, das Architekturmuseum, das aus dem alten Seekartenamt nebenan in das geliftete alte Moderna Museet umgezogen ist. Den Eingang teilt man sich und hat so das doppelte Publikum.

Das alte Moderna Museet ist eine Legende aus den guten alten sechziger Jahren, wo ziemlich viel passierte mit ziemlich wenig Geld. Otte Sköld, Maler und Direktor des schwedischen Nationalmuseums, gründete es 1956 und konnte dafür die Räume der ehemaligen Marineschule bekommen. Picassos "Guernica" wurde, ein spektakulärer Anfang, in der früheren Turn- und Exerzierhalle gezeigt. Pontus Hultén übernahm das Museum Ende 1958, der Gründer war ein halbes Jahr zuvor gestorben. Seitdem gibt es die real begründete Saga vom Moderna Museet. Und seitdem ist Hultén, der dort die Pop-art vorstellte und den Nouveau Réalisme, seine Freunde Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, Claes Oldenburg und Ed Kienholz, ein berühmter Mann. Nachdem er 1974 Stockholm für das Pariser Centre Pompidou eintauschte, ist er inzwischen zum Mann der Topjobs mit fliegendem Wechsel rund um die Welt geworden.

Das neue, rote Moderna Museet hat jetzt in 19 höchst unterschiedlich großen Sälen und Kabinetten auf rund 4500 Quadratmeter hellem, festen Eichenparkett einerseits eine Wechselausstellungsfläche von 1100 Quadratmetern erhalten und kann zum anderen alles das ausbreiten, was uns früher in der alten Trainingshalle der gelben Marineschule mit den quietschenden Bohlen so bezaubert und irritiert hatte: zum Beispiel Robert Rauschenbergs Angoraziegenbock mit Autoreifen ("Monogram"), George Segals dr eidimensionalen "Drycleaning Store" mit weißem Brautkleid im Fenster, Jean Tinguelys heiter sarkastische Schreibskulptur mit Papierrolle und Schneidemesser ("Méta-Matic"), Ed Kienholz' bedrückend realistisches "State Hospital", eine Holzzelle mit G uckloch, hinter dem das Etagengitterbett mit zwei zum Skelett abgemagerten, angebundenen männlichen Patienten zu sehen ist. Und der kunstgereiste Mensch, der in den letzten Jahren manch neues Museum, dazu die großen Rauschenberg- oder Kienholz-Retrospektiven oder das nur dem Werk von Tinguely gewidmete Museum in Basel gesehen hat und ein paar Ausstellungen von museumsöffentlich gewordenen Privatsammlungen dazu, sagt vielleicht: Na und?

Was natürlich ungerecht ist. Denn zum einen gibt es nun neben dem wunderbaren Louisiana Museum bei Kopenhagen endlich ein zweites skandinavisches Museum von Rang für zeitgenössische Kunst. Und zum anderen sieht man jetzt, wo zum ersten Mal ein Überblick möglich ist, auch ein besonderes Charakteristikum dieser Sammlung in großer Deutlichkeit: den Hang zum Surrealen. René Magrittes einsam vor einer Bretterwand stehende Fußschuhe ("Le modèle rouge"), Alberto Giacomettis frühe Holzcollagen-Skulptur "Cage", Kurt Schwitters' "Arbeiterbild" und Giorgio de Chiricos "Le cerveau de l'enfant" sind hier die Leuchttürme, die aber nicht nur für sich selber stehen, sondern auch die skandinavische Kunst in ihrer Eigenart illuminieren. In einem kleinen Kabinett der ständigen Ausstellung mit Carl Frederik Hill, Ernst Josephson und dem genialen August Strindberg wird das sehr anschaulich, wenn auch leider nur in einer Kleinstauswahl. Der Spökenkieker, so nennt man auf dem Dreiviertelweg von Paris nach Stockholm den Menschen mit dem zweiten Gesicht, ist der zu Hause gebliebene Surrealist. Das wäre eine Geschichte, aber das Ausstellungsarrangement zeigt sie leider nicht, bietet stattdessen selbstgebastelte Themen-Räume.

Im neuen Haus zeigt sich die Kunst noch nicht von ihrer besten Seite

Daß der neue, aus Oxford kommende Museumsdirektor David Elliott die Eröffnungsausstellung unter den Titel "Wunden - zeitgenössische Kunst zwischen Demokratie und Erlösung" gestellt hat, ist vielleicht doch aber etwas zuviel des nordeuropäisch Depressiven. Wobei sich auch noch die Frage stellt, was denn eigentlich Demokratie und Erlösung verbindet oder trennt oder in den Konflikt treibt. Die Ausstellung jedenfalls macht das nicht deutlich.