Die wahren Künstler und Kritiker haben es immer schon geahnt: Nirgends lebt es sich so fett und frivol, so genußsüchtig und gewissenlos, so gierig, geil und gemein wie unter den Parasiten der Kunst. Nichts störender als ein Dichter oder Maler in einer Abendgesellschaft von Theaterkritikern, Kunstkommentatoren, Kulturagenten und Buchverlegern. Er könnte ja das anheimelnde Gemisch aus fettem Lachs und halterlosen Strümpfen, frivolen Metaphern und syntaktischen Federboas, gierigem Schlingen, geilen Blicken und narzißtisch ausgestellten Wunden durch Substanz verderben.

Und Substanz ist jenseits von Entenbrust und Lammrücken die reine Sünde.

Lieber ein Quickie des Hausherrn mit dem Dienstmädchen auf dem Küchentisch als ein einziger Satz, der nicht der Zirkulation von Prestigewerten und symbolischem Kapital dient. Ja, es darf gefickt, ein Messer darf gezückt, feines Tuch von innen genäßt werden im Eifer des Gefechts - alles kein Problem, entgegen den Grundannahmen der Psychoanalyse über Inkontinenz und Gattenmord -, nur eins darf nicht geschehen: der Abbruch des Spiels, der Ausstieg. Es gibt keinen reinen Punkt, von dem aus zu beobachten wäre, wie sich der Kommunikationsschmutz dekoriert und parfümiert. Wir dürfen nur schauen, riechen und das Gesicht verziehen.

Diese Regel eingehalten zu haben ist, neben der geradezu professionellen Pointensicherheit, die größte Leistung von Christine Eichel. Sie hat ihre in die Einheit von Ort, Zeit und Handlung korsettierte Personnage alternativlos schäbig und glamourös ausgestellt: sechs Personen um einen Tisch ein Dienstmädchen in der Küche ein Künstler als Nachzügler der Rest ist Kommunikation: oral, genital und verbal.

Und die Erzählerin hüpft von Kopf zu Kopf und guckt mal aus jenen Schießscharten auf dieses Maske gewordene Ressentiment und über diesen Tränensack in jenen Ausschnitt und so weiter, doch nie schlauer, besser, reiner als ihr parasitärer Wirt. Und deshalb beginnen wir nach einigen Seiten auch ihrem deftigen und gescheiten Witz zu trauen, der von einer sicheren Beherrschung aller Phrasen zeugt, der alle Entlarver gleich mit entlarvt und nur ein Problem hat, wie im übrigen jedes humoristische, konversationelle und erotische Crescendo: Was um Himmels und Woody Allens willen, mache ich mit dem Höhepunkt?

Frau Eichel setzt einfach noch einen drauf. Nachdem im Laufe des Abends sich alle aufs dümmste beziehungsweise, was entschieden nicht zu unterscheiden ist, aufs geistreichste blamiert haben (doch vor wem, wenn der Leser kein Richter ist?), zumindest alle bei sich selber unten durch sind und im übrigen alkohol- und sexmäßig durch den Wind, macht Christine Eichel den einzigen Fehler und fabriziert aus einem grotesk verrutschten hanseatisch kulturbourgeoisen Gastmahl des Trimalchio beinahe ein Strindbergstück. Sie ist drauf und dran, die Schickeria-Zombies tragisch zu erden: den Verleger als Verlierer, den Kunstschreiber als seinen geschäftlichen Nachfolger, die dicke dumme Agentin als Mutter ihres mitgebrachten Liebhabers ..., dabei ist die Dauerentlarvung doch die Sport-, Spiel- und Spannungsart der Tafelnden selbst. Schon das gezückte Messer war zuviel. Nur keine Wahrheit jenseits der Charaktermasken, keine blockierende Familiensubstanz im erotischen Cash-flow.

Am Ende verabredet man sich wieder für den nächsten Vormittag. Dann ist wieder alles im "wattierten Duft von Fischsud", kaputt und oversexed. Und die Beinahe-Tragik verflüchtigt sich wie ebendieser Duft, wenn der Lammrücken in Honig serviert wird. So könnte es weitergehen. Mit feingehackten Szenen, frischen Bosheiten und feinherbem Witz. Den nächsten Gang bitte, Frau Eichel.