Wenn Hilary Putnam ein Buch unter einem Titel vorlegt, der ein Manifest anzukündigen scheint, dann macht dies einiges Aufsehen. Putnam ist schließlich nicht irgend jemand, sondern ohne Übertreibung einer von Amerikas bedeutendsten Philosophen. Außerdem ist man von ihm leise Töne und bedächtige Formulierungen gewohnt. Das große Ganze seines Fachs in großen Worten zu thematisieren ist eigentlich nicht seine Art. Wenn ein Denker von solcher Kapazität und von solcher Integrität antritt, um ausdrücklich eine Diagnose der heutigen Gesamtsituation der Philosophie vorzulegen und einen Vorschlag zu ihrer Erneuerung zu unterbreiten, dann ist ihm die Aufmerksamkeit noch sicherer, als sie es gewöhnlich ohnehin schon ist. Auf den ersten Blick vermittelt das Buch allerdings den Eindruck, als hätten die aufgelisteten Themen nur wenig miteinander zu tun. Für Putnam ist das ganz bezeichnend, denn die thematische Bandbreite seines Werkes ist wahrhaft respektgebietend.

Kein Philosoph dürfte gegenwärtig mit dem Anspruch auftreten, er besitze so etwas wie die Übersicht über das weite Feld der Philosophie und könne zu allen Bereichen des Denkens etwas Bedeutendes sagen. Hilary Putnam aber, würde seine Bescheidenheit ihn nicht daran hindern, dürfte es.

Die verschiedenen Themen gruppieren sich in seinem neuen Buch um zwei Schwerpunkte. Der eine widmet sich in kritisch-destruktiver Absicht den beiden großen philosophischen Gegnern Putnams, die ihrerseits gegensätzlich zueinander stehen, dem Szientismus einerseits und dem Relativismus andererseits. Der Szientismus vertritt dabei die Überzeugung, daß nur die Naturwissenschaft und eine ihr nachgebildete Philosophie die Welt so beschreibt, wie sie wirklich ist. Diese Überzeugung beherrscht gegenwärtig vor allem die analytische Philosophie, und Putnam Vorbehalt ist gleich zweifach irritierend. Einmal deshalb, weil diese Richtung der Philosophie anfänglich, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, eine forsch antimetaphysische Bewegung darstellte. Und dann auch deshalb, weil Putnam selbst in dieser philosophischen Tradition im doppelten Sinn des Wortes "groß" geworden ist. Doch von ihr nimmt er nun zunehmend Abstand allerdings nicht, weil sie das analytisch-argumentative Verfahren pflegt, wohl aber, weil sie "zur metaphysikfreundlichsten Bewegung geworden ist". Insofern legt Putnam ein Stück seiner philosophischen Autobiographie vor, die, wie es sich für einen anständigen denkenden Menschen gehört, ganz im Zeichen der Selbstkritik steht. Originalität ist eben nur die eine Seite des Philosophen Putnam Aufrichtigkeit die andere. Denn so überzeugend seine Lösungen für schwerwiegende philosophische Probleme auch stets sein mochten - er hat sie revidiert, wenn sie ihm nicht mehr überzeugend genug erschienen.

Konzentriert Putnams Kritik des Szientismus sich auf den Anspruch, man könne mit Hilfe einer einzigen Theorie, etwa der Physik, die letztgültige metaphysische Wahrheit darlegen und alles Seiende erklären, so konzentriert seine Kritik der Gegenposition sich darauf, ihr einen grundlegenden Widerspruch nachzuweisen. Der Relativismus, wie er namentlich durch Putnams nicht minder berühmten amerikanischen Kollegen Richard Rorty vertreten wird, behauptet nämlich, wahr sei, was unter den Mitgliedern einer Kultur jeweils als wahr gelte. Nun ist es aber ein Faktum unserer Kultur, daß man sich gerade bezüglich der Frage, was Wahrheit sei, nicht einig ist. Auch dem Relativismus stimmen daher nicht alle zu. Also kann er nach seinem eigenen Maßstab nicht wahr sein. So bestechend einfach ist Putnams Beweisführung.

Er begnügt sich aber nicht mit solch analytischer Argumentation. Er will darüber hinaus aufweisen, daß sowohl der Relativismus als auch die szientistische Metaphysik "Symptome der gleichen Krankheit" sind. Die Krankheit ist "die Unfähigkeit, die Welt und andere Menschen anzuerkennen", ohne "Garantien" zu haben. Sie ist die Unfähigkeit, "sich auf etwas zu verlassen". Von bestürzender Schlichtheit ist diese Philosophiekritik, die zugleich eine Kulturkritik ist. Ludwig Wittgenstein, der in seinen späten Schriften ebenfalls die szientistische Phase seines Frühwerks hinter sich ließ, und John Dewey, ein amerikanischer Gründervater des Pragmatismus, sind hierfür die Kronzeugen. Mit ihrer Hilfe geht Putnam den zweiten Schwerpunkt seines Buches an, in dem er sich in der angekündigten Erneuerung der Philosophie widmet. Dabei zeigt er sich ganz als der gemäßigte Neuerer, als den man ihn kennt der Rückgriff auf den Pragmatismus verstärkt dies nur. In dieser Tradition plädiert er nämlich für eine größere Anerkennung des Common sense. Die Philosophie soll das praktische Verhalten ernster nehmen, getreu der Beobachtung, daß auch Relativisten den Relativismus beseite lassen, wenn es um ein ernsthaftes außerphilosophisches Thema geht. Sie vergessen, wie schon der Skeptiker David Hume zugestand, ihren Skeptizismus, sobald sie ihr von Büchern ummauertes Zimmer verlassen.

Der Pragmatismus ermöglicht Putnam, worauf es ihm ankommt: Trennungen zu überwinden, allen voran die Trennung zwischen Theorie und Praxis, aber auch die zwischen Tatsachen und Werten und neuerdings die zwischen Wissenschaft und Glauben. Putnams Buch ist aus einer Vorlesungsreihe hervorgegangen, in der es um Fragen der Religion ging. Zu solchen Fragen konnte er sich bisher bestenfalls indirekt äußern, denn als Philosoph hing er eben lange Zeit selber einer durchweg naturwissenschaftlichen Weltanschauung an. Pikant wird dieser Umstand nun, weil Putnam sich in seinem neuen Buch zum praktizierenden Judentum bekennt und damit die alte Frage wieder einmal nach einer Antwort verlangt, wie diese beiden so abgrundtief verschiedenen Seelen in einer Brust in Einklang zu bringen wären. Rückblickend stellt er fest, daß er sie "überhaupt nicht miteinander in Einklang brachte. Ich war durch und durch Atheist, und zugleich war ich gläubig. Diese beiden Seiten meiner selbst hielt ich einfach getrennt." Daß Putnam heute lehrt, sich mit geistigen Spaltungen dieser Art nicht abzufinden, aber keine große, sondern nur eine kleine Versöhnung anbietet, nämlich ein Grundvertrauen in das Unbegründbare, in die alltagspraktischen Lebensformen - dies macht den Reiz und den Stachel seiner neuen Position aus.

Hilary Putnam: Für eine Erneuerung der Philosophie