Der zynische Blick auf Europa

Ein Anschlag auf das Kabinett des Doktor Caligari Saddam ist fürs erste abgewendet. Damit sind auch Verstimmungen zwischen Amerika und Europa vermieden. Aber Mißverständnisse bleiben. Washington ist der Ansicht, die EU sei nicht in der Lage, mit einer Stimme auf dem Gebiet der Außenpolitik zu handeln. Deshalb wurden die Verbündeten während der Irak-Krise nicht konsultiert. Amerika wollte einen Alleingang machen.

Dies ist nun das aktuellste Beispiel für die Mißverständnisse zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Die Veränderungen in Übersee an der Schwelle des Jahrhundertwechsels wurden in den amerikanischen Politikdiskursen weitgehend ignoriert. Beim Thema "Europäische Währungsunion" zwinkern Amerikaner vielsagend. Die politische Einheit wird als fernes Wunschgebilde abgetan. Das Drängen der Mitteleuropäer, vollwertige Europäer zu werden, wird nicht ernst genommen. Rückfälle in bipolares Denken weisen Polen und Tschechen eher eine Rolle als passive Mitläufer in den amerikanisch-russischen Beziehungen zu denn als eigenständige Akteure.

Im gesamten Text seines Buches "The Dawn of Peace in Europe" erwähnt Michael Mandelbaum, Professor an der Johns-Hopkins-Universität, die Europäische Union ganze dreimal einmal, um auf ihr Versagen in Bosnien hinzuweisen, und zweimal, um eine EU-Mitgliedschaft als Trostpreis für mitteleuropäische Länder vorzuschlagen. So will Mandelbaum sie aus der Nato raushalten. Tony Judt, Professor an der New York University, sieht in seinem Buch "A Grand Illusion" in der bis dahin beispiellosen Zusammenarbeit der Europäer von 1945 bis 1989 nicht mehr als ein "Zwischenspiel" - und in der Vorstellung von einem integrierten Europa nicht mehr als ein Mantra, um von echten Problemen wie der Arbeitslosigkeit abzulenken.

Deshalb liegt Henry Kissinger falsch: Nicht die Europäer sind die Realpolitiker und die Amerikaner die unverbesserlichen Träumer. Die Amerikaner sind die Spötter - und Leute wie Helmut Kohl werden heute von wolkigen Visionen eines vereinten Europas getäuscht.

Auch die seriöse US-Presse ist von der Alten Welt nicht mehr sonderlich beeindruckt. Europa, so heißt es, sei ein wohlfahrtsstaatsbeladenes Museum der Vergangenheit, Asien (zumindest bis zu diesem Winter) die Zugmaschine der Zukunft. Zwischen den Zeilen der angelsächsischen Prosa herrscht ein hämischer Ton bei der Auswahl der Themen vor. Wenn sich Kanzler Kohl und der französische Premier Lionel Jospin über die richtige Ankurbelung der Wirtschaft und die Haushaltsdisziplin streiten, so wird darüber in der amerikanischen Presse ausführlicher berichtet als über die anschließende Einsicht der Franzosen, daß die Deutschen nur schlagen kann, wer sich mit ihnen verbündet. Die wohlfeilen Zweifel an der Währungsunion, die von Edmund Stoiber und Gerhard Schröder zu hören waren, ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als der außergewöhnliche Konsens für eine Währungsunion bei der breiten Masse in Union und SPD. Technische Argumente über die Kosten der Nato-Erweiterung verdrängen die viel grundsätzlichere Frage, wohin zum Beispiel Slowenen und Esten im 21. Jahrhundert gehören. Und über die bemerkenswerte deutsch-polnische Versöhnung seit 1990 ist nichts zu finden.

Die Geburtswehen machen Schlagzeilen, nicht die Geburt.

Der verwöhnte amerikanische Leser wäre daher wohl sehr erstaunt über die völlig andere Sichtweise der Veränderungen in Europa, wie sie zum Beispiel in Bonn oder in Warschau vorherrscht. Diese europäische Sichtweise könnte, in aller Kürze, wie folgt beschrieben werden:

Der zynische Blick auf Europa

Der Nationalstaat westfälischen Musters existiert in Europa nicht mehr er ist schlicht zu klein, um überlebensfähig zu sein. Das Gemetzel des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die existentielle nukleare Bedrohung, Tschernobyl und die heutige digitale Globalisierung, all das hat die Mitteleuropäer von dieser Wahrheit überzeugt, sogar die Franzosen, wenn auch bislang noch nicht die Briten. Das halbe Jahrhundert erzwungener Zusammenarbeit während des Kalten Krieges war nicht bloß ein Zwischenspiel (obwohl es das hätte sein können, hätte es ein paar Jahre früher geendet, vor dem Anstoß, den Gemeinsamen Europäischen Markt aufzubauen). Europas so verschiedene Länder werden nie die Vereinigten Staaten von Europa werden, die Churchill sich vorgestellt hat. Aber sie haben bereits begonnen, "ihre Souveränität zu bündeln", wie der österreichische Präsident Thomas Klestil gerne sagt. Ihre Europäische Union, obwohl weit von einer Föderation entfernt, geht doch über eine bloße Konföderation hinaus und bestimmt in den Mitgliedsstaaten über fünfzig Prozent der "nationalen" Gesetzgebung und sechzig Prozent aller wirtschaftlichen Regelungen.

Auch schließt die Vertiefung die Erweiterung nicht aus. Frankreich mag da bremsen, aber Deutschland drängt. Im Wechselspiel mit der Nato erfüllt die EU die historische Aufgabe, Mitteleuropa in die westliche Friedens- und Wohlstandssphäre zu ziehen. Die Aussicht auf eine Mitgliedschaft in diesen Clubs hat bereits Ungarn oder Rumänen dazu gebracht, für eine Zusammenarbeit alte ethnische Feindschaften zu überwinden. Das ist die wahre Aussicht auf die Zukunft, und das Ergebnis wird weit über ein karolingisches Europa hinausgehen und den gesamten Raum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation umschließen.

Die Krise in Europa zwingt zu beispielloser Zusammenarbeit

Gewiß, die Arbeitslosigkeit ist eine Plage, und es wird nicht einfach sein, die in den letzten zehn Jahren an Asien und Amerika verlorene Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Aber wegen des sozialen Netzes können Arbeitslose sogar inmitten schmerzlicher struktureller Veränderung in Europa ein anständiges Leben führen. Es gibt keine explosive Unterklasse. Die Aussicht auf die Währungsunion schärft auf wunderbare Weise den Blick für finanz- und haushaltspolitische Disziplin und hat in den EU-Ländern (außer in Griechenland) durchschnittliche Inflationsraten von unter zwei Prozent nach sich gezogen. Sogar Italien könnte 1999 als Gründungsmitglied einer Währungsunion dabeisein und die Londoner Bankenwelt und Tony Blair werden am Ende britische Dumpfköpfe daran hindern, den Kontinent zu isolieren. Darüber hinaus haben all die Verbrechen und Demütigungen auf dem Balkan den Westen dazu gezwungen, dort das Richtige zu tun und die Nato für ein Krisenmanagement im 21. Jahrhundert vorzubereiten.

Europa ist tatsächlich in einer strukturellen Krise - aber die Krise selbst zwingt zu beispielloser Zusammenarbeit. Das Risiko ist groß. Aber nicht zu handeln, die Zusammenarbeit nicht auszubauen, wäre ein noch größeres Risiko.

Und der derzeitige Kurs verspricht große Vorteile, wenn die Produktivität hochgeschraubt wird und dieser einst vom Krieg verwüstete Kontinent in einer wachsenden Region neues Blutvergießen verhindern kann. Am Ende dieses Jahrtausends ist weniger ein archaischer Konflikt am Rande Europas nach jugoslawischem Muster der Vorbote als vielmehr die neue Versöhnung zwischen alten Feinden, zunächst zwischen Frankreich und Deutschland, dann zwischen Polen und Deutschland und jetzt zwischen Polen und der Ukraine.

Mitteleuropa mit seinen niedrigen Löhnen, seinen gutausgebildeten Arbeitern und seiner hohen Konsumnachfrage wird dem ganzen Kontinent helfen, seine Wettbewerbsfähigkeit wiederzugewinnen. Und die finanzielle Integration und politische Einbindung Mitteleuropas durch Westeuropa werden, zum ersten Mal in zwei turbulenten Jahrhunderten, die Energie einer Einigung Deutschlands in konstruktive anstatt destruktive Bahnen lenken.

Der zynische Blick auf Europa

Ein hoher deutscher Diplomat sagt: "Das ist die dringlichste Aufgabe Europas in unserer Generation - eine neue Sicherheits- und Wirtschaftsarchitektur für Gesamteuropa zu bauen. So eine historische Chance kommt nicht oft. Und wenn wir sie leichtfertig für eine Rückkehr zu Nationalismus und Protektionismus opfern, werden uns zukünftige Generationen das nicht verzeihen. Wir haben die Chance zum Umbau des Europas der Nationalstaaten."

Polen oder die Ukraine stimmen dem nur zu. In Warschau weist der ehemalige Finanzminister Grzegorz Kolodko zufrieden darauf hin, daß die derzeitigen Wachstumsraten die polnische Wirtschaft innerhalb von drei Jahren auf die Hälfte der russischen Wirtschaft anwachsen lassen müßten. In Kiew beglückwünscht ein hochrangiger Beamter des Außenministeriums die Nato dazu, Rußland kein Vetorecht bei der Osterweiterung eingeräumt zu haben.

Wenn es also diese ganzen Veränderungen gibt, woher kommt dann der Zynismus, mit dem die Amerikaner das europäische Projekt betrachten?

Aus der Sicht Bonns und Warschaus scheinen die Amerikaner Gefangene früherer Denkmuster zu sein, sogar dann noch, wenn diese Muster sich auflösen. Die Amerikaner versuchen, das sich entwickelnde Europa in eine nationalistische Form aus dem 19. Jahrhundert zu pressen oder in Machtbegriffe aus der Zeit des Kalten Krieges zu fassen. Da der britische Einfluß auf die amerikanischen Analysen stark ist, wird die negative Beurteilung Europas durch die Angst der Briten verstärkt, in einer Art gleichmacherischem Europa unterzugehen.

Eine Supermacht mit starkem Nationalgefühl kann nur schwer glauben, daß kleine Nationalstaaten freiwillig auf ihre Souveränität verzichten. Warum sollte ein wiedervereinigtes, erst seit kurzem voll souveränes Deutschland, das über die drittgrößte Wirtschaft der Welt verfügt, freiwillig die Bundesbank abschaffen und ihre Macht einer weniger berechenbaren und diffus strukturierten Europäischen Zentralbank übertragen? Oder, andersherum, warum sollten die Nachbarstaaten Deutschlands sich danach drängen, ihre nationalen Identitäten in einem größeren Europa aufgehen zu lassen, daß der Wirtschaftsgigant Deutschland zwangsläufig dominieren wird?

Pessimismus ist weniger riskant als Optimismus

Außerdem, so wenden die Amerikaner ein, könne Europa nicht gerade damit prahlen, über ein militärisches Potential zu verfügen, das unabhängig von amerikanischer Logistik, amerikanischen Aufklärungsdaten und dem nuklearen Schutzschirm der Amerikaner ist. Und selbst wenn die Europäer ein solches Potential hätten, könnte Europa es nicht einsetzen, weil ein gemeinsames politisches Gremium fehlt. Die Amerikaner wissen, daß ihre eigene Konföderation nicht funktioniert hat, bis ihre Gründerväter sie still und heimlich in eine Föderation verwandelt haben. Sie können aber nicht glauben, daß eine andere Konföderation jemals funktionieren könnte.

Der zynische Blick auf Europa

Darüber hinaus scheinen die USA zu unterschätzen, welche Kraft eine tägliche Zusammenarbeit, von der Bekämpfung des Drogenschmuggels bis zu Paßfragen, haben kann. Dies alles gehöre in die weniger wichtigen Bereiche der Politik, argumentieren die Amerikaner. Wenn es darum gehe, sich mit den schwerwiegenden Problemen zu beschäftigen, seien nur die Franzosen und Briten und gewiß nicht die bloß auf dem Papier existierende Westeuropäische Union dazu in der Lage, Truppen zur Wiederherstellung von Frieden und Ordnung zu entsenden. Gleiches gelte, wenn ein Saddam davon abgebracht werden muß, die Israelis oder wer auch sonst in Reichweite seiner Raketen lebt, mit Giftgas zu bedrohen.

Eine letzte Erklärung für die pessimistische amerikanische Interpretation des europäischen Stillstandes ist vielleicht psychologischer Natur: Pessimismus ist weniger riskant als Optimismus. Es ist immer einfacher, in alten Mustern weiterzudenken, als neue zu enträtseln.

Gefährden diese unterschiedlichen Sichtweisen Europas am Ende die transatlantische Allianz? Die unspektakuläre Antwort heißt: wahrscheinlich nicht.

Ungleiche Erwartungen bergen natürlich immer die Gefahr von falschen Urteilen in sich. Aber bislang hat eine vernünftig denkende Koalition aus amerikanischen Diplomaten und einer amerikanischen Öffentlichkeit, die gerne Urlaub in Europa macht, überzogene Zusammenstöße verhindert. Die USA haben ihre triumphale Wirtschaftsrhetorik etwas gedämpft. Sie haben ihre Forderung, daß der Iran wirtschaftlich isoliert werden müsse und amerikanische Gesetze auch für europäische Konzerne Geltung hätten, abgemildert. Washington und Brüssel sind einander lieber ausgewichen, bevor es zum Kampf wegen der Fusionen in der amerikanischen Luft- und Raumfahrtindustrie hätte kommen können.

Kulturell-politische Unterschiede, wenn es etwa um die Verlockung junger Menschen durch Scientology geht, taugen wohl kaum für ein transatlantisches Duell. Und überraschenderweise hat in Washington die Debatte über die Nato-Erweiterung keine isolationistischen Forderungen nach einem amerikanischen Abzug aus und einer Scheidung von Europa nach sich gezogen.

Vor diesem Hintergrund müßten tatsächlich beide Seiten unvernünftig sein, ehe gelegentliche Rangeleien außer Kontrolle geraten könnten. Und der neue US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, ist, soviel ist sicher, nicht unvernünftig. Persönlich mag er davon überzeugt sein, daß Europa nie richtig in Gang kommen wird. Aber er kennt den Spielmacher Europas - Deutschland - sehr genau. Kornblum weiß, wie Zusammenstöße zu verhindern sind. Und das wissen auch seine europäischen Amtskollegen.

Das seltsame Paar eines realpolitisch denkenden Amerikas und eines aufgrund des bislang Versäumten idealistisch gestimmten Europas mag dazu verdammt sein, sich einen Großteil der Zeit mißzuverstehen, manchmal auch sehr grundsätzlich. Aber, so scheint es, beide sind auch dazu verdammt, ein Paar zu bleiben.

Der zynische Blick auf Europa

Aus dem Englischen von Hubert Wetzel