Der Nationalstaat westfälischen Musters existiert in Europa nicht mehr er ist schlicht zu klein, um überlebensfähig zu sein. Das Gemetzel des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die existentielle nukleare Bedrohung, Tschernobyl und die heutige digitale Globalisierung, all das hat die Mitteleuropäer von dieser Wahrheit überzeugt, sogar die Franzosen, wenn auch bislang noch nicht die Briten. Das halbe Jahrhundert erzwungener Zusammenarbeit während des Kalten Krieges war nicht bloß ein Zwischenspiel (obwohl es das hätte sein können, hätte es ein paar Jahre früher geendet, vor dem Anstoß, den Gemeinsamen Europäischen Markt aufzubauen). Europas so verschiedene Länder werden nie die Vereinigten Staaten von Europa werden, die Churchill sich vorgestellt hat. Aber sie haben bereits begonnen, "ihre Souveränität zu bündeln", wie der österreichische Präsident Thomas Klestil gerne sagt. Ihre Europäische Union, obwohl weit von einer Föderation entfernt, geht doch über eine bloße Konföderation hinaus und bestimmt in den Mitgliedsstaaten über fünfzig Prozent der "nationalen" Gesetzgebung und sechzig Prozent aller wirtschaftlichen Regelungen.

Auch schließt die Vertiefung die Erweiterung nicht aus. Frankreich mag da bremsen, aber Deutschland drängt. Im Wechselspiel mit der Nato erfüllt die EU die historische Aufgabe, Mitteleuropa in die westliche Friedens- und Wohlstandssphäre zu ziehen. Die Aussicht auf eine Mitgliedschaft in diesen Clubs hat bereits Ungarn oder Rumänen dazu gebracht, für eine Zusammenarbeit alte ethnische Feindschaften zu überwinden. Das ist die wahre Aussicht auf die Zukunft, und das Ergebnis wird weit über ein karolingisches Europa hinausgehen und den gesamten Raum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation umschließen.

Die Krise in Europa zwingt zu beispielloser Zusammenarbeit

Gewiß, die Arbeitslosigkeit ist eine Plage, und es wird nicht einfach sein, die in den letzten zehn Jahren an Asien und Amerika verlorene Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Aber wegen des sozialen Netzes können Arbeitslose sogar inmitten schmerzlicher struktureller Veränderung in Europa ein anständiges Leben führen. Es gibt keine explosive Unterklasse. Die Aussicht auf die Währungsunion schärft auf wunderbare Weise den Blick für finanz- und haushaltspolitische Disziplin und hat in den EU-Ländern (außer in Griechenland) durchschnittliche Inflationsraten von unter zwei Prozent nach sich gezogen. Sogar Italien könnte 1999 als Gründungsmitglied einer Währungsunion dabeisein und die Londoner Bankenwelt und Tony Blair werden am Ende britische Dumpfköpfe daran hindern, den Kontinent zu isolieren. Darüber hinaus haben all die Verbrechen und Demütigungen auf dem Balkan den Westen dazu gezwungen, dort das Richtige zu tun und die Nato für ein Krisenmanagement im 21. Jahrhundert vorzubereiten.

Europa ist tatsächlich in einer strukturellen Krise - aber die Krise selbst zwingt zu beispielloser Zusammenarbeit. Das Risiko ist groß. Aber nicht zu handeln, die Zusammenarbeit nicht auszubauen, wäre ein noch größeres Risiko.

Und der derzeitige Kurs verspricht große Vorteile, wenn die Produktivität hochgeschraubt wird und dieser einst vom Krieg verwüstete Kontinent in einer wachsenden Region neues Blutvergießen verhindern kann. Am Ende dieses Jahrtausends ist weniger ein archaischer Konflikt am Rande Europas nach jugoslawischem Muster der Vorbote als vielmehr die neue Versöhnung zwischen alten Feinden, zunächst zwischen Frankreich und Deutschland, dann zwischen Polen und Deutschland und jetzt zwischen Polen und der Ukraine.

Mitteleuropa mit seinen niedrigen Löhnen, seinen gutausgebildeten Arbeitern und seiner hohen Konsumnachfrage wird dem ganzen Kontinent helfen, seine Wettbewerbsfähigkeit wiederzugewinnen. Und die finanzielle Integration und politische Einbindung Mitteleuropas durch Westeuropa werden, zum ersten Mal in zwei turbulenten Jahrhunderten, die Energie einer Einigung Deutschlands in konstruktive anstatt destruktive Bahnen lenken.