Darüber hinaus scheinen die USA zu unterschätzen, welche Kraft eine tägliche Zusammenarbeit, von der Bekämpfung des Drogenschmuggels bis zu Paßfragen, haben kann. Dies alles gehöre in die weniger wichtigen Bereiche der Politik, argumentieren die Amerikaner. Wenn es darum gehe, sich mit den schwerwiegenden Problemen zu beschäftigen, seien nur die Franzosen und Briten und gewiß nicht die bloß auf dem Papier existierende Westeuropäische Union dazu in der Lage, Truppen zur Wiederherstellung von Frieden und Ordnung zu entsenden. Gleiches gelte, wenn ein Saddam davon abgebracht werden muß, die Israelis oder wer auch sonst in Reichweite seiner Raketen lebt, mit Giftgas zu bedrohen.

Eine letzte Erklärung für die pessimistische amerikanische Interpretation des europäischen Stillstandes ist vielleicht psychologischer Natur: Pessimismus ist weniger riskant als Optimismus. Es ist immer einfacher, in alten Mustern weiterzudenken, als neue zu enträtseln.

Gefährden diese unterschiedlichen Sichtweisen Europas am Ende die transatlantische Allianz? Die unspektakuläre Antwort heißt: wahrscheinlich nicht.

Ungleiche Erwartungen bergen natürlich immer die Gefahr von falschen Urteilen in sich. Aber bislang hat eine vernünftig denkende Koalition aus amerikanischen Diplomaten und einer amerikanischen Öffentlichkeit, die gerne Urlaub in Europa macht, überzogene Zusammenstöße verhindert. Die USA haben ihre triumphale Wirtschaftsrhetorik etwas gedämpft. Sie haben ihre Forderung, daß der Iran wirtschaftlich isoliert werden müsse und amerikanische Gesetze auch für europäische Konzerne Geltung hätten, abgemildert. Washington und Brüssel sind einander lieber ausgewichen, bevor es zum Kampf wegen der Fusionen in der amerikanischen Luft- und Raumfahrtindustrie hätte kommen können.

Kulturell-politische Unterschiede, wenn es etwa um die Verlockung junger Menschen durch Scientology geht, taugen wohl kaum für ein transatlantisches Duell. Und überraschenderweise hat in Washington die Debatte über die Nato-Erweiterung keine isolationistischen Forderungen nach einem amerikanischen Abzug aus und einer Scheidung von Europa nach sich gezogen.

Vor diesem Hintergrund müßten tatsächlich beide Seiten unvernünftig sein, ehe gelegentliche Rangeleien außer Kontrolle geraten könnten. Und der neue US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, ist, soviel ist sicher, nicht unvernünftig. Persönlich mag er davon überzeugt sein, daß Europa nie richtig in Gang kommen wird. Aber er kennt den Spielmacher Europas - Deutschland - sehr genau. Kornblum weiß, wie Zusammenstöße zu verhindern sind. Und das wissen auch seine europäischen Amtskollegen.

Das seltsame Paar eines realpolitisch denkenden Amerikas und eines aufgrund des bislang Versäumten idealistisch gestimmten Europas mag dazu verdammt sein, sich einen Großteil der Zeit mißzuverstehen, manchmal auch sehr grundsätzlich. Aber, so scheint es, beide sind auch dazu verdammt, ein Paar zu bleiben.