Paris

Wir Franzosen haben viel Verständnis dafür, daß die Deutschen sich so schwer tun mit dem Abschied von der Mark. Wir wissen, daß es dabei nicht nur um das wirtschaftliche Für und Wider geht, sondern auch um ein Stück deutscher Identität. Aber die Zahl der Argumente, die seit langem für die Währungsunion sprechen, ist seit den Ereignissen in Südostasien größer geworden. Zweifel sind jetzt nicht mehr angebracht: Wir brauchen den Euro, und zwar schnell.

Bisher hat das Herannahen der Währungsunion die europäischen Finanzmärkte vor Instabilitäten wie in Südostasien geschützt. Sollte die Einführung des Euro verschoben werden, entstünden große Gefahren. Ich weiß nicht, was die deutsche Wirtschaft mit Währungsturbulenzen und Zinserhöhungen in Europa zu gewinnen hätte.

Gleichzeitig hat die Asienkrise gezeigt, wie schwach Europa in der globalisierten Finanzwelt immer noch ist. Die Europäer haben kaum eine Rolle bei der Eindämmung des asiatischen Desasters gespielt. Als Feuerwehr haben wieder die Amerikaner herhalten müssen. Zum Wohl der gesamten Weltwirtschaft, aber mit welchen voraussehbaren Konsequenzen? Wer wird demnächst viele koreanische Chaebol kaufen? Wer wird mehrere japanische Banken übernehmen und sich an asiatischen Unternehmen beteiligen? Hauptsächlich amerikanische Firmen und Banken.

Die Asienkrise hat deutlich gemacht, wie richtig Klaus Kinkel lag: Die starke Mark bleibt trotz aller Achtung auf der Weltebene eine Dorfwährung. Wenn Frankreich auf die Währungsunion drängt, geht es deshalb nicht um traditionelle französisch-gaullistische Großmachtansprüche, sondern um einen Platz für Europa im internationalen Währungssystem, der seinem wirtschaftlichen Gewicht entspricht. Die internationale Finanzwelt braucht dringend zusätzliche Regulierungs- und Kontrollmechanismen. Europa muß sie gleichrangig mit den USA mitbestimmen können, und das geht nur mit dem Euro.

Außerdem, die Asienkrise ist noch nicht bewältigt. Ihre weltweiten Wirkungen beginnen erst spürbar zu werden. Die Frage einer weltweiten Deflation ist nicht von der Hand zu weisen. Südostasien hat einige Jahre lang die Weltwirtschaft mit in Schwung gehalten. Damit ist es zumindest für einige Zeit vorbei. Wer könnte die Rolle der Lokomotive übernehmen? Trotz aller öffentlichen Finanzspritzen scheint die japanische Konjunktur nicht anzuspringen. Die Vereinigten Staaten weisen bereits ein riesiges Leistungsbilanzdefizit auf, laut OECD 170 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, das sind rund zwei Prozent des Bruttosozialprodukts. Seit 1995 wuchs das Defizit jährlich um 20 Milliarden Dollar! Die Gefahr: Die Vereinigten Staaten könnten unter dem Druck der Billigimporte aus Asien eine restriktivere Wirtschaftspolitik betreiben.

Nur Europa mit seinen ungenützten Kapazitäten, seinen zahlreichen Arbeitslosen und seinem riesigen Leistungsüberschuß (115 Milliarden Dollar im Jahr 1997) könnte ohne Inflation schneller wachsen und die Welt vor einer Deflation bewahren. Das aber kann den Europäern nur mit enger Kooperation im Rahmen der Währungsunion gelingen. Werden die Deutschen eine gemeinsam abgestimmte, expansivere Geld- und Wirtschaftspolitik in Europa mittragen?