Die gewaltigen Siege der Bulgaren und Serben sind ein weltgeschichtliches Ereignis. Es ist klar, daß die Türkenherrschaft in Europa zu Ende ist." Mit diesen Worten kommentierte der österreichische Reichsratsabgeordnete Josef Redlich am 28. Oktober 1912 den bisherigen Verlauf des Ersten Balkankrieges.

Tatsächlich war der Herbst 1912 einer der stolzesten Momente in der Geschichte der Balkanvölker: Die türkischen Armeen an allen Fronten geschlagen, in Konstantinopel hörte man schon das Donnern der bulgarischen Kanonen.

Die überraschten Großmächte waren nun bereit, den bisher verachteten Balkannationen das Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen. Kaiser Wilhelm II.

sah die siegreiche Balkanföderation schon als eine neuentstandene siebte europäische Großmacht an, als die "Vereinigten Staaten des Balkans", und überlegte, wie das Deutsche Reich sie als Verbündete in sein Allianzsystem integrieren könne.

Diese Ansicht unterschied sich beträchtlich von der Haltung, welche die europäischen Großmächte gegen die Balkannationen bisher eingenommen hatten - und auch bald wieder einnehmen sollten: In ihrer Herablassung stuften sie den Balkan als Sammelplatz chronisch politikunfähiger Völkerschaften ein.

Bismarck sprach von "diesen Schafsdieben", wenn er Griechen, Serben und Bulgaren meinte der ganze Balkan schien ihm nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert zu sein. Sein österreichischer Kollege, Außenminister Graf Kálnoky, distanzierte sich von "diesen Balkanproleten" und beklagte das Schicksal der Habsburgermonarchie, von solch halbbarbarischen Völkerschaften umgeben zu sein. Selbst heute noch wird balkanischen Politikern von sachkundigen Diplomaten, wie zum Beispiel von Lord Owen, dem ehemaligen Vermittler der Europäischen Union im jugoslawischen Bürgerkrieg, gern ein ungewöhnliches Maß an Grausamkeit und Verlogenheit zugesprochen.

Man hat allerlei Ursachen dafür ausfindig gemacht: das Denken der Balkanvölker in realitätsfernen Mythen ihre aus dunkler Vergangenheit herüberreichenden Strukturen die Kulturgrenze, die den Balkan seit der Spätantike teile - die Grenze zwischen lateinischem Okzident und byzantinischem Orient, zwischen christlichem Abendland und Osmanischem Reich.