Nichts ist amüsanter als verjährter Klatsch, der den Vorzug hat, keine Seele mehr ärgern zu können - obschon es die kapriziöse Alma Mahler-Werfel geborene Schindler den Lesern ihrer Tagebücher nicht allzu leicht macht, dem heftigen Ausschlag ihrer Launen mit stetem Gleichmut zu folgen. Sie war nicht nur - wie viele ihrer Zeitgenossen bezeugen - das schönste Mädchen von Wien, intelligent, mit manchen Talenten versehen, neugierig und voll wirbelnder Vitalität, sondern auch eine rechte Nervensäge, ehrgeizig, zur Hysterie neigend und in den Selbstzeugnissen ihres Journals mitunter von unfreiwilliger Komik.

"Wenn ich nur jemanden hätte zum umarmen - zum küssen - zum tod küssen - nur einmal lieben - nur einmal genießen und dann sterben", ruft sie, das begehrende Auge teils auf Alexander von Zemlinsky, den Komponisten, teils auf Max Eugen Burckhard, den Direktor des Burgtheaters, nebenbei auch auf Fernand Khnopff, den belgischen Maler, immer noch und immer wieder auf Gustav Klimt werfend, der erste, der sie küssen durfte. "... es scharten sich die Männer um mich wie die Mücken um die Lampe. Und ich fühlte mich so recht als Königin.

War unnahbar und stolz, sprach mit jedem 3 kühle Worte", notierte sie wenige Tage zuvor, ihre liebste Rolle beschreibend: die des umschwärmten Prinzeßchens, immer im Mittelpunkt, immer zu einem Flirt aufgelegt, immer kokettierend: a tease, wie man diese Sorte junger Damen im England und Amerika nennt - die Verführerin, die kein Versprechen ihrer funkelnden Augen und ihrer einladenden Gesten jemals hält. Dafür kassierte sie in einer guten Woche wenigstens zwei Heiratsanträge.

Darüber wäre sie fast ein altes Mädchen geworden: zweiundzwanzig und nach den Begriffen der Jahrhundertwende ein wenig überständig, blühend, doch immer noch "unschuldig" (im technischen Sinne), von einer explosiven Liebes- und Lebensgier umgetrieben: "Mich dürstet nach ihm. Mich dürstet nach seinem Blut" (dem Zemlinskys), schrieb sie erregt im April 1901. "Meine Sinne - diese verfluchten und aufgepeitschten Sinne, die zischen und sieden", stöhnt sie am 23. Juli 1901 und schleudert zugleich dem Versucher Burckhard, "den nur mein hübsches Gesichtel und meine üppige Gestalt anreizen", ein entrüstetes "Pfui" entgegen: ihm "ließe ich nicht einen Moment meinen Körper". Tags drauf: "Mich dürstet nach Vergewaltigung! Wer immer es auch sei!"

Das Trachten ihrer aufgewühlten Sinne galt zu jenem Zeitpunkt Alexander von Zemlinsky, dem so lang vergessenen, der sie "nicht um (ihr) schönes Gesicht - nein - um (ihren) deutschen Namen beneidete", denn ein Musiker, sagte er, müsse "einen deutschen Namen haben". Ihn hätte sie seiner musikalischen und menschlichen Qualitäten wegen (die sie mit genauer Witterung wahrnahm) vielleicht, vielleicht sogar geheiratet, obwohl er ihr nur bis zur Schulter reichte. Nein, doch nicht: "Ich dachte mir so - wenn ich mit Z. dort am Altar stehen würde - wie lächerlich das doch sein würde. Er so häßlich - so klein, ich so schön - so groß." Ohnedies war die Mutter dagegen: "Bei Wasser und Brot vergeht die große Liebe. Ich hätte nichts gegen ihn - aber ein bisserl Geld müsste er doch haben."

Sie ist von Wagner behext, das versteht sich, ja von Wagner besoffen (wie so oft vom Champagner, der Abend für Abend zu schäumen scheint). "Wagner", ruft sie verzückt, "vor Dir war keiner, der Dir gleichkam, und nach Dir erst recht nicht." Die Wallfahrt nach Bayreuth indes schien sie ein wenig zu enttäuschen. Sie hat nicht nur für den Magier ein gutes Ohr: sie schätzt Brahms, liebt Beethoven, verehrt sogar Bach. Sie überläßt sich dem Zauber des "Figaro". Sie ahnt die Bedeutung von Richard Strauss: "er ist entschieden der genialste ... der jetzt lebenden Musiker", stellt sie fest, und an anderer Stelle heißt sie ihn ein "geniales Schwein". Zum genauen Gehör fügt sich ein scharfer Blick: "Strauss' Gesicht ist ruhig - kalt - deutsch. Aber seine Augen sind dunkle Welthöhlen."

Sie studiert, zunächst ohne rechten Erfolg, den Kontrapunkt und die strenge Form, bastelt kleine Fugen, und sie analysiert mit Zemlinsky, der sie nur allzu gern, wenn auch nicht regelmäßig unterrichtet, einige Beethoven-Sonaten. Sie fertigt Klaviersätze. Sie nimmt es hin, daß der Geliebte mit ihrem Ehrgeiz harsch verfährt: "Entweder Sie componieren, oder Sie gehen in Gesellschaften - eines von beiden. Wählen Sie aber lieber das, was Ihnen näher liegt - gehen Sie in Gesellschaften."