Als Melanie Manchot ihre Mutter fragte, ob sie von ihr Photos machen könnte, war klar, daß nicht von netten Familienbildern die Rede war.

Schnappschüsse in der Art von Mutti in Wien, auf der gemeinsamen Reise damals. Melanie Manchot hatte am Londoner Royal College of Art ein Photographie-Studium beendet. Schon seit einiger Zeit experimentierte sie mit Selbstportraits. Sie habe sich gleich gedacht, daß ihre Tochter etwas ganz anderes wolle, sagt Margret Manchot. "Ja, kannst du machen", habe sie geantwortet. Daraufhin Melanie: "Du müßtest dich dann ausziehen."

Drei Jahre ist das her.

Body Study XIII. Eine rauhe Leinwand, auf ein Holzgestell getackert. Darauf ein Photo, überlebensgroß. Fast schmutzige Schwarzweißkontraste, nachschattiert mit Graphit. Man sieht einen Körper, Brust bis Knie. Der Bauch stülpt sich nach vorne. Wo sich das Fleisch der Schenkel an den Venushügel drängt, kräuseln sich müde die Schamhaare.

Body Study VII. Rückenansicht. Die Wirbelsäule liegt zwischen Fleischwülsten eingegraben. Auf der Haut, die sich in Dellen über das matte Hinterteil bis zu den Beinen zieht, sind Poren auszumachen. Die Arme hängen schmucklos herunter. In großen Wellen faltet sich rauhe Haut um jene Stellen, wo die Ellenbogenknochen wohl liegen.

Wer verstehen möchte, warum Melanie Manchot solche Bilder von ihrer heute 66jährigen Mutter macht - in einem Zyklus, der auf fast sechzig Werke angewachsen ist - und sie auch öffentlich zeigt (im Augenblick reist eine Wanderausstellung durch England, in Basel ist eine weitere Auswahl zu sehen), muß dem eigenen Schrecken nachspüren, der beim Anblick dieser Bilder aufkommen kann. Eine so alte Frau. Ein Körper, der sich verformt hat. Und hinter der Leinwand lauert der Tod! Muß man das zeigen?

Anders gefragt: Darf man das zeigen?