Etwas zu vergessen bedeutet keineswegs, es ganz zu verlieren es kann immerhin Spuren hinterlassen. Wer hingegen bewußt erinnert, gewinnt nicht alles. Was er erinnern möchte, ist immer schon vorübergegangen, also verloren. Der aktive Vorgang des Erinnerns wählt aus, schließt aus - und verdrängt. Dieses paradoxe Verhältnis zwischen dem Vergessen und der Erinnerung betrifft nicht nur den berühmten Knoten im Taschentuch. Es zeigt auch, was unseren Zugang zur Vergangenheit ermöglicht und begrenzt. Das gilt insbesondere für die historiographische Forschung, denn prekär wird unsere Vorstellung von Geschichte hinsichtlich unserer jüngsten Vergangenheit, dem Nationalsozialismus und der Shoah. Der traumatisierende Einbruch der Gewalt und die damit einhergehende Unterbrechung des erzählerischen Kontinuums, kurz, die Zäsur durch den Holocaust bedeutet eine unendliche, notwendige, aber zugleich unmögliche Aufgabe der Geschichtschreibung. Das machen die Beiträge in einem Sammelband auf vielfältige Art und Weise deutlich, wobei von besonderem Interesse ist, daß die Autoren mehr oder weniger dem Label Postmoderne oder Dekonstruktion zugerechnet werden (Elisabeth Weber, Georg Christoph: "Das Vergessen(e). Anamnese des Undarstellbaren" Turia und Kant Verlag, Wien 1998, 288 S., 48.- DM).

Ganz anders jedoch, als uns ein "Philosophischer Diskurs der Moderne" einredet, zeichnen sich die Beiträge durch alles mögliche aus, nur nicht durch Unvernunft und Beliebigkeit. Dies stellt Avital Ronnel in ihrem Artikel mit dem notwendigen Ernst und der gebotenen Schärfe klar. Neben einem Aufsatz von Jean-François Lyotard zu Fragen der Darstellbarkeit, dem Sprechen "über/nach Auschwitz", beeindrucken vor allem die Ausführungen von Jacques Derrida zum beinahe aberwitzigen Denkweg von Hermann Cohen, dem mit seiner Assimilation ringenden Juden und neokantianischen Philosophen. Wichtig ist auch der von Samuel Weber angestellte Vergleich zwischen Carl Schmitt, dem "Kronjuristen" des "Dritten Reichs", und Walter Benjamin. Zugleich ist der Band über die Politik und die Aporien der Darstellung auch ein Beitrag zu den gegenwärtigen Denkmalsdebatten, oder in den Worten von Christoph Tholen: "Der Versuch, Auschwitz als eine der historischen Narration auf ewig entzogene Leerstelle zu verorten, läuft Gefahr, diese Leerstelle oder Ausnahme als negative Abwesenheit anwesend zu machen, also die Lücke des Zeitbruchs wieder zu schließen."