Der Tod ist konsequent ausgebürgert. Unsere Gesellschaft versteckt alles, was damit zusammenhängt, mit derselben Prüderie wie einstmals die Sexualität.

Vier Fünftel aller Menschen sterben heute hinter Klinikmauern oder in Pflegeheimen. Zu den sozialen Strategien, den Tod zu verheimlichen, gehört es, daß man Sterbende über ihre abgelaufene Zeit im unklaren läßt. Das hat den Vorteil, daß alles fortfällt, was den Kranken unruhig machen könnte. Die Angehörigen leben in dem Bewußtsein, daß der Sterbende seinen Tod nicht spürt. Vor allem aber bleibt ihnen erspart, mit dem Todkranken über seinen Zustand zu sprechen. So gelingt den wenigsten Menschen am Totenbett ein Abschied in Geborgenheit und Frieden.

Wie wenig würdevoll das Sterben heute abläuft, hat der Chirurgieprofessor Sherwin B. Nuland vor einigen Jahren in einem aufsehenerregenden Buch beschrieben. In "Wie wir sterben" (Kindler Verlag, München 1994) zeigt er Menschen auf ihrem leidvollen Weg zum Ende - eine Lektüre, die alles andere ist als ein Trostbrevier. Dem harten, unsentimentalen Blick Nulands setzt nun der amerikanische Hospizarzt Ira Byock eine andere Sicht des Lebensendes entgegen. In seinem Buch "Dying well" (der deutsche Titel "Sterben. Wachsen im Umgang mit dem Tod" ist weniger genau) vertritt er die Ansicht, daß Sterben nicht qualvoll sein muß.

Der Palliativmediziner aus Montana setzt sich dabei vor allem mit der Angst vor Schmerzen auseinander. Für viele scheint dies das schwierigste am Sterben zu sein. Ein plötzlicher Tod wird oft als beste Lösung angesehen. Doch achtzehn Jahre Erfahrung mit Sterbepatienten haben Ira Byock gelehrt, daß sich das körperliche Leid Sterbender immer wirksam lindern läßt - und daß ein langsames Sterben oft erst die Chance eröffnet, wichtige Beziehungen zu Ende zu führen.

So hält Byock Schmerzen in jedem Fall für beherrschbar. Selbst bei einer fortgeschrittenen Krankheit könnten Schmerzen mit relativ einfachen Therapien behandelt werden. Das verlange kein größeres Wissen, als ein Internist, ein Kinderarzt oder Allgemeinmediziner bei der Behandlung einer schweren Infektion, von Diabetes oder anderen Erkrankungen brauche. Unsinnig sei die Angst vor der Abhängigkeit von Narkotika. Bei einer fortschreitenden Krankheit wie Krebs sei es normal, daß die Dosis des Schmerzmittels immer wieder gesteigert werden müsse. Allerdings, ein schmerzfreier Tod ist für Byock noch kein "guter Tod". In innerem Frieden beendet sein Dasein nur, wer zuvor reinen Tisch gemacht, bestehende Konflikte gelöst und seine "Beziehungen vollendet" hat. Byock fand dafür immer wieder Hinweise bei den Todkranken, die er betreute: Die Patienten, die friedlich und geborgen starben, und die Familien, die die letzte Zeit als Bereicherung empfanden, hatten sich in dieser Phase intensiv umeinander gekümmert und viel miteinander gesprochen: "Es war im weitesten Sinne, als hätte ihnen der bevorstehende Tod des Angehörigen Gelegenheit gegeben, ihre Sachen in Ordnung zu bringen."

Ira Byock erzählt von diesen Patienten. Es sind rund ein Dutzend Leute unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft, darunter auch sein eigener Vater, der an einem Lebertumor litt. Wir erfahren, wie diese Menschen und ihre Familien mit der bitteren Wahrheit des bevorstehenden Endes umgegangen sind und wie sie sich trotz allen Kummers näherkamen, weil sie sich in ihren Gefühlen auf die Herausforderungen des Sterbens einließen.

In diesen Geschichten wird deutlich, wie durch die fortschreitende Krankheit soziale Nähe entsteht und wie sie die Chance zu einem langsamen, ungetrübten Abschied eröffnet: "Wenn die gemeinsame Geschichte zweier Menschen ein gutes Ende findet, ist es, als lege sich ein warmes Licht über alles Vergangene ...