Deutschland steht vor dem Politikwechsel. Auf dem Hauptfeld der politischen Auseinandersetzung, der Ökonomie, nimmt der Wechsel konkrete Gestalt an.

Seit zwei Jahren werben wir für neues Denken in der Wirtschaftspolitik, national und international: für ein Konzept der internationalen Zusammenarbeit als Antwort auf die Globalisierung der Märkte. Und für einen Policy-Mix aus Angebots- und Nachfragepolitik als wirtschaftspolitische Strategie für mehr Wachstum und neue Arbeitsplätze.

Die Debatte, die zu Beginn auf heftigen Widerstand traf, trägt jetzt - schneller als gedacht - Früchte. Die Forderung der achtziger Jahre nach Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich dagegen hat fast zehn Jahre gebraucht, bis sie in die Praxis Einzug gefunden hat.

Da ist zum einen die wachsende Erkenntnis, daß die Antwort auf die Globalisierung nicht in einem realwirtschaftlichen Abwertungswettlauf der Nationalstaaten liegen kann, weil mit einer globalen Abwärtsspirale bei Löhnen, Sozialstandards, Umweltstandards und Unternehmenssteuern am Ende keiner Land gewinnen kann. Ein reiner Kostensenkungswettlauf führt in die Irre. Richtig dagegen ist ein Produktivitätswettbewerb um das weltweit beste Bildungssystem, die leistungsfähigste Forschung, die neuesten Technologien, die höchste Energieproduktivität und um die modernste Infrastruktur dieser Produktivitätswettbewerb bringt mehr Wohlstand für alle.

Wir wollen die neuen Chancen der Globalisierung nutzen. Es mußte wohl erst zu der schweren Finanzkrise in Asien kommen, bevor jetzt mehr und mehr begriffen wird, daß die globalisierten Märkte einen Ordnungsrahmen für freien und fairen Leistungswettbewerb brauchen. Protektionistischen Verfälschungen der Wettbewerbsbedingungen erteilen wir eine klare Absage. Unser Plädoyer bleibt: Im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir Schritt für Schritt eine neue Weltwirtschaftsordnung, die sich an den Grundsätzen der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft orientiert. Die Chancen stehen gut, jetzt hierzu gemeinsam mit unseren europäischen Freunden auf der internationalen Ebene eine Initiative zu starten. Wir wollen die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 1999 dafür nutzen.

Da wird zum anderen auch immer deutlicher, daß die Zeit der einseitigen Angebotspolitik der Neoliberalen abgelaufen ist. Sogar der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beginnt an seinem angebotspolitischen Konzept zu zweifeln. Im Jahresgutachten 97/98 heißt es: "Die unbefriedigende gesamtwirtschaftliche Entwicklung, vor allem mit Blick auf den Arbeitsmarkt, hat in jüngster Zeit Zweifel an der Angemessenheit einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik aufkommen lassen, wie sie der Bundesregierung für die vergangenen fünfzehn Jahre zugeschrieben wird."

Auch wenn sich die Sachverständigen anschließend bemühen, das Scheitern der Angebotspolitik zu widerlegen - für jeden, der mit der strenggläubigen Orthodoxie der Fünf Weisen vertraut ist, ist der Satz eine kleine Sensation.