Der Bürgersteig ist eng auf der Oranienstraße, besonders da, wo der türkische Gemüsehändler seine Kisten mit den Paranüssen, Orangen und Datteln ausgebreitet hat. Wenn an der Haltestelle auch noch der Bus seine Fahrgäste ausspuckt, kommt jeder jedem in die Quere. Das ist zwangsläufig so, dafür gibt es Gründe.

Für das, was am Nachmittag des 3. Februar, am hellichten Tag auf offener Straße, an dieser Stelle in Berlin-Kreuzberg geschah, gibt es keine Gründe.

An diesem Dienstag kommt der Wachmann Thomas K. um 15 Uhr von der Arbeit. Der 34jährige Angestellte eines Sicherheitsdienstes will noch bei seiner Mutter vorbeigehen, die einige Straßenecken weiter mit dem Essen auf ihn wartet.

Eineinhalb Stunden später wird sie in seiner Wohnung anrufen, um zu fragen, wo er denn bleibe. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Sohn in seiner blauen Dienstuniform bereits gestorben. Der siebzehnjährige Serkan E. hat ihn mit drei schnellen Messerstichen getötet.

Thomas K. und Serkan E. hatten sich zuvor nie gesehen. Sie haben sich im Gedränge kurz gerempelt, wie es halt passiert im Vorübergehen oder beim Aussteigen aus dem Bus. Einen zufälligen Augenblick später, und die zwei wären einander nicht begegnet. Thomas K. würde noch leben, und Serkan E. säße nicht in der geschlossenen Jugendarrestanstalt mit der Schuld, einen Menschen umgebracht zu haben.

Wenige Minuten vom Tatort entfernt steht eines der wenigen Jugendzentren Berlins, in denen das Wort multikulturell nicht nur Phrase ist. Serkan E. war regelmäßiger Besucher. Hierhin hat er sich nach der Tat geflüchtet, hier entschied er, sich der Polizei zu stellen, obwohl Freunde ihn drängten: "Hau ab in die Türkei!"

Im Jugendzentrum gehen die Meinungen seitdem auseinander. "Serkan ist gefährlich", sagen die einen. Andere haben die üblichen Rechtfertigungsschemata parat: "Serkan wird schon einen Grund gehabt haben."