Lenin notiert an der ideologischen Börse zur Zeit ziemlich niedrig: Kaum jemand in Rußland will noch sein Mausoleum besuchen, der Gründer des Sowjetreiches fällt der Vergessenheit anheim. Einer der frühen Einbalsamierer der Mumie, Professor Ilja Zabarski, mußte seine Erinnerungen in Frankreich erscheinen lassen, weil im Heimatland kein Verlag Interesse zeigte.

Eine Aktie aus viel länger vergangenen Zeiten erlebt dagegen eine Hausse: Das Schicksal der wiedergefundenen Knochenreste der letzten Zarenfamilie sorgt in der russischen Öffentlichkeit für erregte Debatten. Die Gebeine sollen demnächst aus Jekaterinburg im Ural über Moskau nach Sankt Petersburg überführt werden. Ein offizielles Staatsbegräbnis des von den Bolschewiki ermordeten Zaren und seiner Familie wurde soeben von Präsident Jelzin für Juni 1998 angeordnet. Staat und Kirche planen gemeinsam den Festakt , der der historischen Erinnerung huldigen soll. Das Konzil der Bischöfe der russischen orthodoxen Kirche berät über die Heiligsprechung des letzten Romanow und seiner Familie - als Märtyrer.

Seltsame Wendung der Geschichte: Eben noch galt der Zarismus als blutigste Verkörperung der Klassenfeindschaft, jetzt hat er sich zum Orakel gewandelt, das auf der mühevollen Suche nach einer neuen nationalen Identität befragt werden darf.

Im Sommer 1996 ließ Boris Jelzin unmittelbar nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten einen Wettbewerb für die beste nationale Idee, die Rußland zusammenhalten soll, ausschreiben. Schon vorher hatte Samuel Huntingtons Vorstellung, daß in Zukunft eine eigenständige orthodoxe Zivilisation unter Führung des russischen Staats eine Rolle spiele, in Rußlands politischen Kreisen ein Echo gefunden. Unlängst berief sich auch General Alexander Lebed auf einer Konferenz in Berlin auf Huntingtons Thesen. Gleichzeitig treiben in Rußland Spekulationen um Geopolitik wildeste Blüten: als ob der Großraum das einzige sei, was von der Großmacht übrigblieb.

Jede beliebige russische Zeitung offenbart in nahezu jeder Nummer die Sehnsucht nach Geschichte, die Suche nach einer benutzbaren Vergangenheit.

Orte historischer Erinnerung, Daten historischer Ereignisse, vor allem aber historische Analogien (wie das Joch der Mongolen oder die Zeit der Wirren) gehören zum täglichen Brot der Leser. An der Suche nach patriotischer Rückbesinnung hat auch die Kirche ihren Anteil als wiedergewonnene Verkörperung von russischer Tradition und Kultur.

Soeben krönte die russische Regierung diese Bemühungen mit einer kurz gefaßten Geschichte Rußlands vom 9. Jahrhundert bis zum Jahr 1997. Das Lehrbuch ist für den öffentlichen Umgang mit der Vergangenheit bestimmt und wird kostenlos an Mitarbeiter in Ministerien und Ämtern verteilt. Tenor des Opusculums: Von Anbeginn hat die Geschichte Rußlands die Kontinuität der Staatsmacht dargestellt, sie ist ein ungebrochen fortlaufender historischer Prozeß. Die Assoziation mit einem anderen, für Generationen verordneten Geschichtsbild ist nahezu unvermeidbar: Stalins "Kurzer Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion".