Der Roman "Das Steinerne Meer" von Clemens Eich handelt von der Grenze: von der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenheit, zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Ich und Welt, schließlich von der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, denn dort, in einem Dorf an der Grenze, spielt die Geschichte, nicht sehr weit entfernt von jenem Gebirge, das dem Roman den Titel gibt, dem "Steinernen Meer".

Clemens Eich war selber eine Figur auf der Grenze und zwischen den Zeiten.

Geboren 1954, war er kein Achtundsechziger mehr, aber noch keiner von den neuen Tüchtigen und Unbedenklichen. Er war Deutscher und Österreicher und Jude. Er war der Sohn von Ilse Aichinger und Günter Eich. Er lebte in Hamburg, und er lebte in Wien. Er gehörte weder ganz hierhin noch ganz dorthin. Die Literatur war seine Heimat. Er war ein außergewöhnlicher Schriftsteller.

Das Motto des Romans ist der Satz des Holofernes bei Nestroy: "Ich möcht' mich einmal mit mir selbst zusammenhetzen, nur um zu sehen, wer der Stärkere ist ich oder ich." Das ist komisch, aber es ist nicht komisch. Clemens Eich ist am Ende nicht der Stärkere gewesen.

In einem seiner schönsten Gedichte finden sich die Zeilen: "Wir mit den Fischerstiefeln / im Uferwasser, / haben mit uns gebrochen, / bevor es uns gab." Das war sein Schicksal und sein Thema.

Der zwölfjährige Valentin, der zu Beginn des Romans mit Fieberträumen im Bett liegt, träumt davon, der Sieger eines Abfahrtslaufs zu sein. Aber der Siegeslauf ist ein Alptraum, das Fahren ist ein Stürzen. Es kommt darauf an, dem Sturz vorauszueilen wie einer, der, um nicht nach vorne zu kippen, ins Laufen kommt. Hielte er, so fiele er. Der Sieg ist das geglückte Stürzen, und der Traum zehrt von der Angst, zu langsam zu sein. Auch davon handelt das Buch. Es bündelt die Geschichte dreier Generationen wie in einem einzigen Augenblick. Die Zeiten schießen ineinander. Die Gegenwart ist nicht weniger real als die Vergangenheit, das Geträumte nicht weniger wirklich als das Wirkliche.