Die Symphonik Anton Bruckners scheint eine Domäne der großen alten Männer unter den Dirigenten zu sein. Der 86jährige Günther Wand feiert mit seinen Bruckner-Interpretationen (gerade eben wieder bei den Berliner Philharmonikern) wahre Triumphe. Sergiu Celibidache hat sich im Herbst seiner Karriere zur unumschränkten Autorität für die Werke des österreichischen Symphonikers aufgeschwungen. Und auch ein Carlo Maria Giulini hat mit zunehmendem Alter den langen Atem für die mächtigen Werke entwickelt. Innere Ruhe, Geduld, Übersicht - das sind wohl die unabdingbaren Voraussetzungen für gelungene Bruckner-Deutungen.

Aber jetzt hat sich Simon Rattle Bruckner vorgenommen, den, obwohl auch schon 43 Jahre alt, noch immer der Nimbus jugendlichen Draufgängertums umgibt.

Rattle gehört zur Dirigentengeneration, die mit der Musik des 20.

Jahrhunderts selbstverständlich groß geworden ist und sich nun erst nach reicher Erfahrung mit Strawinsky, Schönberg oder Messiaen verstärkt dem symphonischen Kernrepertoire des 19. Jahrhunderts zuwendet. Für seinen ersten Bruckner auf CD, die siebte Symphonie mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra (EMI 556 425), hat er sich eine lange Anlaufzeit gestattet - und eine Interpretation erarbeitet, die voll ist von leidenschaftlicher Expressivität. Während die altersweisen Maestri Bruckners symphonische Kathedrale somnambul mit geschlossenen Augen zu durchschreiten scheinen, nähert sich Rattle ihr gleichsam mit weit aufgerissenen Augen, vor dem mächtigen Klanggewölbe erschaudernd, aber alle motivischen Linien und formalen Verläufe präzise abtastend. Auffällig gemächlich wählt er dabei seine Tempi und offenbart vom weit ausgreifenden, wunderbar plastisch ausgesungenen Thema des Kopfsatzes an einen Nachdruck in der Phrasierung, einen geladenen Ton, der sich durch die gesamte Symphonie zieht.

Alles drängt zur Emphase in dieser Interpretation. Lustvoll treibt Rattle die dynamischen Steigerungen ins Extreme, sucht im Fortissimo immer wieder die grelle Zuspitzung - und nimmt sich doch alle Ruhe, um den Fluß der Musik konzentriert und entschieden zu entwickeln. Das Adagio gerät ihm mitunter eine Spur zu laut, zu extrovertiert und damit geheimnislos. Und den fragwürdigen, von Bruckner eingefügten und später wieder gestrichenen Beckenschlag auf dem Kulminationspunkt läßt er sich natürlich nicht entgehen.

Für Celibidaches buddhistisch provokatives Bruckner-Motto "Nichts wollen" liefert Rattle die Gegenthese: "Alles wollen!"