Freiheit, Gleichheit - Venedey

Nur kurz währte der Glaube an das Gute im Menschen

Die Familie wurde immer nur durch die Männer geprägt

Dies ist das Geschlecht der Venedeys. Michel, der Jakobiner, war 35 Jahre alt und zeugte Jakob. Danach lebte er noch 41 Jahre und zeugte eine Tochter.

Jakob war 55 Jahre alt und zeugte Martin. Martin war 60 Jahre alt und zeugte Michael als fünften seiner Söhne. Michael ist heute 77 Jahre alt und lebt in Konstanz.

Der Mann, der in dieser biblischen Generationenfolge einen leibhaftigen 1848er zum Großvater, einen Kämpfer der Französischen Revolution zum Urgroßvater und selber drei Söhne hat, hängt gerne unzeitgemäßen Betrachtungen nach. 1945 wurde er zum Kommunisten. Nicht, weil ihn Marx und Engels überzeugt hätten. Sein Haß auf den Faschismus saß so tief, und seine Hoffnungen auf einen radikalen Neuanfang in Deutschland sah er in den Fünfzigern so schwer getäuscht, daß er den Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur als einen sozialistischen träumen konnte. Und das ist bis heute so geblieben.

Michael Venedey sagt es auf einer Fahrt im Taxi durch Berlin, wo er bis vor zwei Jahren gelebt hat, und es klingt fast wie eine Verkündigung: "Ich bin überzeugt davon, daß in absehbarer Zeit mit einer Entwicklung in sozialistischer Richtung nicht zu rechnen ist. Ich bin aber ebenso überzeugt, daß dieses kapitalistische System mit seinen Widersprüchen, die sich ja von Tag zu Tag immer deutlicher zeigen, zum Untergehen verurteilt ist." Er habe die Hoffnung, sagt der Urenkel des Jakobiners Michel Venedey, daß auch die Deutschen einmal wach würden. Wie die Franzosen, die mit ihrem jüngsten Protest wieder vormachten, daß man millionenfache Arbeitslosigkeit nicht einfach hinnimmt.

Die Franzosen hatten es einst auch seinem Urgroßvater vorgemacht. Eigentlich hatte der Sproß einer katholischen Bauernfamilie aus Köln Theologie studieren sollen. Aber Michel Venedey hatte nicht nur die Bücher des Alten und Neuen Testaments, er hatte auch die Schriften Rousseaus gelesen. Und so kam es, daß er hinter dem Rücken der Eltern statt der theologischen die juristische Fakultät besuchte. 1789 kam seine Stunde. Beflügelt vom Ideal der Liberté, Egalité, Fraternité, stürmte der junge Venedey mit anderen Studenten in Köln die Wache. Die Venedeys hatten ihren ersten Revolutionär. Später, als er erkannte, daß Napoleon die Rheinlande unterdrückte, zog Michel Venedey sich aus der Politik zurück, arbeitete als Rechtsanwalt. Und zeugte Jakob.

Freiheit, Gleichheit - Venedey

Der war von Anfang an mit dem Bazillus der Aufmüpfigkeit geimpft. Auf dem Gymnasium kollidierte er mit der Schulordnung, die von ihm verlangte, sich das Haar schneiden zu lassen, das er "nach dem Vorbild der Burschenschafter bis auf die Schultern herabwallend" trug. Für einen Venedey war das eine Forderung nach knechtischem Verhalten. Jakob wechselte die Schule. Später studierte er Jura wie der Vater. Von dem Gedanken beseelt, die Deutschen hätten nicht nur ein natürliches Recht auf Freiheit und Gleichheit, sondern auch Anspruch auf ein vereintes Vaterland, nahm Jakob 1832 am Hambacher Fest teil. Als "Rädelsführer" und "Künder des revolutionären Geistes" wurde er verhaftet, floh und fand wie viele Geistesbrüder Zuflucht in Frankreich.

Im Exil reiste er auch nach England. Dort traf er mit Friedrich Engels zusammen, zog angesichts des neu entstehenden Proletariats jedoch die umgekehrte Konsequenz. Freiheit und Gerechtigkeit seien nur durch die gesetzliche Opposition im Rahmen der Parlamente zu erreichen. Alles andere würde stets zu neuen Gewaltherrschaften führen. Jakob, der Seher, fürchtete die Diktatur des Proletariats.

Die Fahrt mit Michael Venedey, seinem Enkel, durch das Berlin von heute, führt am Reichstag vorbei, durchs Brandenburger Tor. "Für mich", sagt Venedey im Vorüberfahren, "ist Freiheit mit der Vorstellung verbunden, sich innerhalb eines Kollektivs entfalten zu können, ohne damit die Sphäre der Freiheit eines anderen zu zerstören, und das setzt eben voraus, daß man von Gerechtigkeit erfüllt ist."

Wie viele Gerechte fand Abraham in Sodom? Die Stadt wäre nicht zerstört worden, wenn er auch nur zehn Gerechte darin gefunden hätte. Michael Venedey kennt die Bilanz, obwohl er behauptet, bar aller biblischen Bildung groß geworden zu sein. Es sei klar, meint er, daß im Rahmen des Vollzugs einer kollektiven Freiheit eine Phase eintrete, in der man die Menschen umerziehen müsse. "Das ist eine Anstrengung, von der ich fürchte, daß sie so etwas wie einer Diktatur - na ja, da sind wir bei dem schlimmsten Ausdruck -, der Diktatur des Proletariats, zumindest einer Umerziehungsphase bedarf, die Opfer verlangt."

Manchmal, sagt Michael Venedey, habe er das Gefühl, nicht diesem Jahrhundert anzugehören, sondern dem vorherigen.

Für seinen Großvater schienen im Jahre 1848 alle Träume in Erfüllung zu gehen. Die Frühlingssonne erwärmte Deutschland, und Märzregierungen schossen wie Veilchen aus dem Boden. Jakob Venedey durfte in seine Heimat zurück und wurde unverzüglich ins Paulskirchenparlament gewählt. Seinen Glauben an das Gute im Menschen konnte er sich freilich nur so lange erhalten, bis fürstliches Militär die Arbeit des Parlaments gewaltsam beendete. Jakob Venedey zog sich, gezwungenermaßen, aus der Politik zurück. Er lehrte an verschiedenen Hochschulen Recht und Geschichte. Und zeugte Martin.

Martin Venedey, Jurist und Politiker in dritter Generation, ließ sich Ende des vergangenen Jahrhunderts in Konstanz nieder, der Stadt, in der Friedrich Hecker ein halbes Jahrhundert vorher für die Republik zu den Waffen gegriffen hatte. Für die Demokratische Volkspartei saß er in Karlsruhe im Landtag und hielt den säbelrasselnden Patrioten eine flammende Rede gegen den Krieg. Zu Hause wurde den Kindern gezeigt, wo das Übel war.

Freiheit, Gleichheit - Venedey

Michael Venedey: "Ich erinnere mich, daß es in der Villa, in der wir damals in unseren besseren Tagen wohnten, im Keller ein Bild von Kaiser Wilhelm gab.

Und es gehörte zu den eigenartigen Vergnügen meiner Kindheit, dieses Bild zu bespucken. Das war der Inbegriff des Bösen." Das Gute hing eingerahmt für alle sichtbar im Wohnzimmer: Friedrich Hecker. "Er war für mich eine Ikone, man könnte sagen, ein Ersatz für ein Christusbild."

Im November 1918 empfing eine badische vorläufige Volksregierung die heimkehrenden Soldaten mit Trost: Sie seien Opfer des alten, militaristischen Systems. Im Frieden werde ein neues System geschaffen. Martin Venedey, der Liberale und Pazifist, war in dieser Aufbruchstimmung kurze Zeit als Kandidat für ein Ministeramt in Baden im Gespräch. Doch es gab Intrigen gegen ihn.

Venedey tat, was sein Vater und Großvater vor ihm getan hatten. Er zog sich aus der Politik zurück und widmete sich fortan als Anwalt denen, die Recht suchten. Mit sechzig Jahren zeugte er Michael, seinen fünften Sohn.

Der verbrachte im Kreise seiner Brüder eine selige Kindheit. Der Vater ist ihm in der Erinnerung eine Lichtgestalt, die älteren Brüder prägten seine ersten politischen Auffassungen. 1933 fand das Paradies ein abruptes Ende.

Hitler ergriff die Macht. Hans, der älteste Bruder, war zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied der SPD. Die Nazis nahmen ihn in "Schutzhaft". Bei der ersten Gelegenheit ging er ins Schweizer Exil, dann nach Paris, wo er sich einer Hilfsorganisation für Juden anschloß.

Hermann, der zweitälteste Bruder, blieb als Liberaler in der Feindschaft gegen die Nazis genauso unbeugsam wie Hans. Er war Lehrer am Gymnasium in Konstanz und verweigerte den Dienst, als die Schule erst schwarzweißrot, dann mit dem Hakenkreuz beflaggt wurde.

Freiheit, Gleichheit - Venedey

1934 starb der Vater. Der dreizehnjährige Michael Venedey fiel in ein tiefes Loch. In seiner Welt praktizierte er den liberalen Widerstand, den er von seinen Vorbildern gelernt hat. Als einziger des ganzen Gymnasiums trat er nicht in die Hitlerjugend ein, später nicht in den NS-Studentenbund. Aber innerlich war Michael Venedey während dieser Zeit wie tot. In diesen Jahren wuchs sein abgrundtiefer Haß gegen die Nazis, ein Haß, der sich auf alles Deutsche übertrug.

Er habe, sagt er, wirklich eine Aversion gegen "das Deutsche". "Das Deutsche in der Geschichte der letzten 150 Jahre ist eben nicht repräsentiert durch das, was Deutschsein für mich vielleicht bedeutet, nämlich die Teilnahme an fortschrittlichen Bestrebungen, sondern ist gekennzeichnet durch großdeutsche Hybris, großdeutschen Fanatismus."

Die Venedeys mit ihrem Gerechtigkeitsstreben und ihrer radikaldemokratischen Aufmüpfigkeit standen immer nur kurz im Zeichen des Erfolgs. So eine Zeit brach 1945 an, als die alliierten Sieger unbelastete Deutsche brauchten, die beim Aufbau demokratischer Institutionen helfen konnten. Hans, der älteste der fünf Brüder, wurde in Hessen 1946 Innenminister - für kurze Zeit. Dann holte das Venedeysche Schicksal ihn ein. Weil er sich für ein Zusammengehen der SPD mit der KPD aussprach, warf die Partei Kurt Schumachers ihn nach wenigen Wochen aus dem Amt. Er zog sich aus der Politik zurück und arbeitete als Rechtsanwalt.

Michael Venedey trieb immer weiter nach links. Auch er wäre gerne Jurist geworden, hatte während des "Dritten Reichs" aber mit halbem Herzen Medizin studiert. Er kehrte dem restaurativen Deutschland in den Fünfzigern den Rücken, arbeitete zehn Jahre in der Schweiz, dann als Lungenfacharzt wieder in Deutschland. Zwanzig Jahre lebte er in Berlin. Vor zwei Jahren erst hat er sich in seine Heimatstadt Konstanz zurückgezogen.

Dort lebt auch Anselm Venedey, ein Neffe Michaels. Er ist das jüngste Kind von Hermann Venedey, dem Gymnasiallehrer in Konstanz. Anselm ist 33, war 15, als sein Vater starb, zu jung, um die Geschichte der Familie direkt vermittelt zu bekommen. Er sagt, er habe sich die Familie "erdenken" müssen.

Natürlich hat ihm die Mutter dabei geholfen. Aber das Eigenartige an dieser Familie sei doch, daß sie immer nur durch die Männer geprägt wurde. "Es gab einfach keine Töchter in der Familie. Frauen kamen nur angeheiratet dazu.

Erst in meiner Generation gibt es Töchter."

Freiheit, Gleichheit - Venedey

Und erst in dieser Generation, der fünften nach Michel, dem Jakobiner, brechen die Söhne aus der Familientradition aus. Es scheint, als ob die sich neu definieren müßte. Für Michael Venedey führte die radikaldemokratische Tradition der Väter und Vorväter geradewegs zur sozialistischen Utopie. An sie und das System einer weltumspannenden Gerechtigkeit glaubt er noch heute.

"Das ist wirklich ein Glaube, und es ist mir klar, daß das für jemanden, der sonst für sich in Anspruch nimmt, nicht zu glauben, sondern zu wissen, ein schwaches Fundament ist. Aber ich glaube daran, weil ich am Ende meines Lebens auch nicht ohne jegliche Illusion scheiden möchte."

Eine Hoffnung hat Michael Venedey bereits aufgeben müssen: daß seine eigenen Söhne ihm auf seinem politischen Weg folgen. Sie wollen mit der männerdominierten Familie und ihren Traditionen nichts mehr zu tun haben. Für den Vater eine tragische, schmerzliche Entwicklung, der "Generalkummer" seines Lebens.