Es war ein langes und respektables Defilee in der prunkvollen Guildhall.

Gekommen waren Minister, Lords, Exzellenzen, Unterhausabgeordnete, darunter der nur mehr selten gesehenen John Major, und auch etliche Deutsche. Trotz mancher Doktoren- und Professorentitel können sie es mit der mindestens vordergründig noch intakten englischen Klassengesellschaft nicht aufnehmen, wenn man von The Rt. Hon. Lord Dahrendorf of Clare absieht. Die wenigen vormals adeligen Deutschen sind unter "V" gelistet - Deutschland ist ein fernes, fremdes, ja eigentlich unheimliches Land, in dem man sich nicht richtig auskennt.

Als Eddie George, der Governor der Bank of England, und Mrs. George ausgerufen werden, erhebt sich stärkerer Beifall als bei den meisten anderen.

Wir befinden uns im Londoner Zentrum des Geldes und seiner Repräsentanten.

Nach zwanzig Minuten verebbt der Strom der Gäste. Eine zierliche Kapelle, das Orchestra of the Grenadier Guards, spielt von der Empore heitere Weisen, die auch in einem Wiener Kaffeehaus zu hören sein könnten.

Dann betritt Tony Blair mit seiner Frau Cherie den Saal, um sich von sehr dünnem Beifall empfangen zu lassen. In der Guildhall scheint die Labour Party an diesem Abend keine Mehrheit zu haben. Hier ist man konservativ und euroskeptisch, aber wohlerzogen und nicht so laut wie die kleine Demonstrantenschar, die draußen kleine gelbe Plakate hochhält: "Save our ú" und "No to Kohl's empire".

Und dann wird der Ehrengast angekündigt. Kostümierte Fanfarenbläser stoßen ins Horn: "The Federal Chancellor of the Federal Republic of Germany and Frau Hannelore Kohl" betreten den Saal. Er so mächtig und furchterregend wie immer, sie heiter und frisch vom Friseur. Beklemmende Stille breitet sich aus. Erst als das Paar beim Lord Mayor angekommen ist, wird höflich-verhalten geklatscht. Nun spielen die Grenadier Guards das Deutschlandlied. Jedem, vor allem aber denen, die sie zu anderen Zeiten zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied gelernt haben, fährt die Erinnerung an die Zeile "Deutschland, Deutschland über alles" in der damaligen Nationalhymne in die Knochen - und in London wirkt sie im Jahr 1998 um so gespenstischer.