Ein Schiff im Sturm. Finstere Nacht. Unter Deck: nackte Körper in Ketten.

Eine Hand zieht einen Nagel aus den Holzdielen. Die Ketten fallen, Waffen werden verteilt, ein verbissener Kampf beginnt. Die Decksmannschaft wird überwältigt. Einer der Gefangenen, ein riesenhafter Afrikaner, ringt mit dem Kapitän. Er entwindet seinem Gegner das Schwert und stößt es ihm durch den Bauch. Dann reckt er den blutigen Stahl zum Himmel und erhebt ein heiseres Triumphgebrüll.

Steven Spielberg mußte diese Szene nicht erfinden. Sein Film erzählt einen authentischen Fall: Im Sommer 1839 brach auf dem Sklavenschiff La Amistad vor der Küste Kubas eine Revolte aus. Die Besatzung wurde niedergemetzelt zwei überlebende Matrosen sollten das Schiff auf Kurs nach Afrika bringen. Es gelang ihnen, die Amistad nordwärts nach Long Island zu steuern. Dort wurden die befreiten Sklaven vor Gericht gestellt. Nach zweijährigem Rechtsstreit zwischen der spanischen Krone, der amerikanischen Regierung, den kubanischen Sklavenhändlern und den Anwälten der Schwarzen durften die Gefangenen in ihre Heimat zurückkehren.

Es geht also um Besitzansprüche und Ersatzforderungen, um diplomatische Kinkerlitzchen und juristische Tricks. Und es geht, durch den Schleier der historischen Episode hindurch, um die ewigen Fragen des politischen Kinos: Wie verwandelt man ein Argument in ein Bild? Wieviel dramaturgische Nachbesserungen kann die Wahrheit vertragen, bevor sie zur Lüge wird? So viele Fragen, so viele Fallen. Und Spielberg tappt in jede hinein, weil er sich für die wirkliche Geschichte seiner Protagonisten gar nicht interessiert. Ihn reizt allein das Für und Wider der Rechtsnormen, das den "Amistad"-Streit zum Präzedenzfall für die spätere Entwicklung Amerikas werden läßt. Um diese abstrakte Fracht kinematographisch verschiffen zu können, macht er seine Figuren zu Sklaven ihrer eigenen Klischees: Cinque (Djimon Hounsou), der Anführer der Afrikaner, ist ein edler Wilder aus dem Hollywood-Bestellkatalog, Roger Baldwin (Matthew McConaughey), sein Anwalt, eine hastig nachpatinierte Grisham-Figur und Anthony Hopkins als Expräsident John Quincy Adams die leibhaftige Humanität in Stuck. Daß Cinque und Adams, die einander in Wahrheit nie begegnet sind, in "Amistad" eine von Geigen begleitete Männerfreundschaft unterhalten, ist nur die offensichtlichste Geschichtsverdrehung dieses Films, der mit "Schindlers Liste" zwar das Pathos, aber nicht den Funken eines ästhetischen Gewissens gemeinsam hat.

Übrigens hat auch Costa-Gavras, der Altmeister der kinematographischen Belehrung, wieder einen "politischen" Film gedreht. "Mad City" mit Dustin Hoffman und John Travolta, zur Zeit in unseren Kinos, folgt dem klassischen Rezept dieser Zunft - Kapitalismuskritik mit kapitalistischen Mitteln, hier: Medienschelte durch mediale Überwältigung. Spielberg ist da zumindest vertriebstechnisch ein gutes Stück weiter. Sein Werk wird amerikanischen Schulkindern via CD-ROM und study kit als Geschichtslektion gereicht. Erst die Vermarktung macht "Amistad", diesen belanglosen filmischen Fehltritt, zum Skandal.