Am liebsten wären die Grünen endlich ihren besonderen Anspruch los. Nicht erst seit ihrer jüngsten Affäre in Hessen wissen die Klügeren unter ihnen, daß sie den hohen moralischen Kriterien, mit denen sie einst angetreten waren, nicht standhalten können. Aber es ist die wohlverdiente Rache der "Altparteien", daß sie die Grünen aus ihrer Anspruchsfalle nicht entlassen.

Als Meßlatte grüner Verfehlungen bleiben die alten Kriterien in Kraft.

Deshalb müssen angeschlagene grüne Amtsträger schneller als gemeinhin üblich die politische Bühne räumen. Das immerhin ist als Residuum grüner Moral geblieben: statt der hehren Praxis der hurtige Abgang.

Doch der Rückzug der hessischen Umweltministerin Margarethe Niemsch hat noch andere Gründe als die Begünstigung von Parteifreundinnen mit öffentlichen Aufträgen. Fast von Beginn an galt die Ministerin als überfordert - genau wie ihre Vorgängerin, die im Herbst 1995 scheiterte. Daß die Grünen die Besetzung ihres Schlüsselressorts Umwelt nicht wirklich ernst nehmen, darf man getrost als Alarmzeichen werten. Und es sieht danach aus, als werde auch bei der Nachfolgeregelung nicht Kompetenz, sondern wieder die starr gehandhabte Frauenquote den Ausschlag geben. Der über jeden fachlichen Zweifel erhabene Staatssekretär Rainer Baake kommt auch diesmal nicht zum Zug. Dabei konnte auch die Frauenquote nicht verhindern, daß bei den hessischen Grünen ausschließlich Männer - Tom Koenigs, Rupert von Plottnitz, Alexander Müller - die Fäden ziehen.

Im Grunde hat die hessische Partei bis heute den Abgang Joschka Fischers nach Bonn nicht verkraftet. Das System Fischer, die paternalistische, notfalls auch offen autoritäre Führung, funktioniert eben nur mit Fischer - kaum ist er weg, wird genau das zur Hypothek. Das gilt für Hessen wie für Bonn.

Anzeichen, daß die Bundespartei den Verlust ihres heimlichen Vorsitzenden einmal besser verkraften wird, gibt es nicht.

Die hessische Krise jedenfalls markiert einen bitteren Auftakt für das Wahljahr. Als hätte der gerade beigelegte Koalitionskrach in Nordrhein-Westfalen nicht schon ausgereicht, das Prekäre einer rotgrünen Kooperation zu demonstrieren. Jetzt macht die hessische Partei Schlagzeilen, die zum erwünschten Bonner Neuanfang so gar nicht passen wollen. "Letzte Chance für Rot-Grün", verkündet Fischer für den großen Bonner Wahlherbst. Mit Blick auf das kleine Hessen bekommt der Slogan seinen heimlichen Sinn.