Sind wir von einer Institution begeistert, dann sagen wir: "Wenn es sie nicht gäbe, müßte sie erfunden werden." Die Kultusministerkonferenz? Die englische Sprache kennt ein Verb, das die Lage trifft: to disinvent. Und in der Tat, nach fünfzig Jahren müßte irgend jemand die Kultusministerkonferenz "hinwegerfinden". Die - im Hegelschen Sinne - Aufhebung dieser verfassungsfremden Einrichtung zählt zu den Voraussetzungen von Kreativität in der Bildungspolitik.

Weshalb verfassungsfremd? Nicht nur, weil die Kultusministerkonferenz im Grundgesetz nicht vorgesehen ist, sondern vor allem, weil sie zwischen den Bund und die selbständigen Länder einen Kryptozentralismus geschoben hat, der den bildungspolitischen Wettbewerb zwischen den Ländern abtötet.

Da ist also zum einen die Kulturhoheit der Länder, der letzte Ausdruck ihrer wirklichen Staatlichkeit. Da ist zum anderen jener Bundesstaat, dem es immerhin auf eine Gleichwertigkeit (nicht: auf eine Gleichartigkeit oder gar Uniformität) der Lebensverhältnisse ankommt. Wie kann man zu beidem gleichzeitig gelangen, sowohl zu einer ausgeprägten Vielfalt als auch zu einer relativen Einheit?

Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze. Der eine Weg führt über die Regulierung der Voraussetzungen des Handelns, der andere über den Wettbewerb der Ergebnisse. Im ersten Modell bestimmt man vorher: Wer darf was und wie? Im zweiten Modell fragt man hernach: Wer hat was erreicht? Im ersten Fall braucht es keine Vergleiche - denn alles ist von vornherein vergleichbar gemacht. Vor dem ersten Schritt steht die Anpassung aller an alle. Im zweiten Fall lehrt der Leistungsvergleich, wer mehr erreicht hat - und wer sich wem anzupassen hat.

Die Kultusministerkonferenz ist der Prototyp des ersten Weges. Sie kann nur einstimmig Beschlüsse fassen - denn formell muß es ja bei der Selbständigkeit der Länder bleiben. Also muß man sich so lange koordinieren, daß jeder Kultusminister gerade noch behaupten kann: Genauso hätte ich gehandelt, wenn ich souverän entschieden hätte. Die Folge dieses Systems liegt auf der Hand: Entweder tun alle dasselbe - oder niemand tut irgend etwas. Nur Entscheidungen im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners kommen zustande.

Der Kultusminister jedes noch so kleinen Bundeslandes hat eine Sperrminorität.

Nirgendwo eine profilierte Bildungspolitik mit großen Entscheidungen - schon gar nicht bedeutende bildungspolitische Kontroversen mit unterschiedlichen Antworten hier und dort! Deshalb ist es kein Wunder, daß Peter Glotz und Klaus Faber schon 1983 vor der Gefahr warnten, sich so eifrig zu koordinieren, "daß die eigene Handschrift der Landesgesetzgeber unleserlich wird und daß insbesondere Schulen und Hochschulen selbst von einer Vielzahl bürokratischer Bestimmungen unzumutbar eingeengt werden".