Glaubt man den Leuten rund um Neubukow, steht ihr Weltuntergang kurz bevor. Vor Gaswolken fürchten sie sich, vor Keimen in der Luft, die das Atmen lebensbedrohlich machen. "800 000 Legehennen in Neubukow auf einem Haufen - das würde hier in der Umgebung alles zerstören", sagt Conny Zielinski, parteilose Bürgermeisterin von Zarfzow und Ravensberg. Sie will lieber mit sanftem Tourismus Wohlstand in diesen Teil der ostdeutschen Ostseeküste bringen. Nun fürchtet sie 50 000 verendete Hühner pro Jahr und 20 000 Tonnen Kot. Ihr Amtskollege aus Krempin, der ebenfalls parteilose Ulrich Brüsehafer, will die Eierfabrik auch nicht. Ihm tun die Tiere leid.

Die Leute rund um Neubukow, unterstützt von praktisch allen Naturschutzgruppen Deutschlands, halten ihre Reihen fest geschlossen: Sie klagen gemeinsam gegen die Legehennenanlage für 800 000 Hühner der Mecklenburger Frischei GmbH & Co. Farmanlagen KG. Der Aufmarsch der Befürworter dieser Anlage gerät dagegen kümmerlich: Es sind Walter Doll, Bürgermeister von Neubukow, der zusammen mit den meisten seiner 4697 Bürger auf die 65 versprochenen Arbeitsplätze hofft, und natürlich die Investoren selbst. Hinter denen, so hat es Hans-Joachim Becker, Vorsitzender des Vereins gegen tierquälerische Massentierhaltung (VgtM), jetzt "aus einer Kreditauskunft schwarz auf weiß", steht der ehemalige Springreiter und Multiunternehmer Paul Schockemöhle aus Mühlen im Oldenburgischen.

Schockemöhle und seine Geschäftsfreunde haben bislang jedes Hindernis genommen - ihr Projekt ist grundsätzlich genehmigt. Sie haben das Gesetz auf ihrer Seite. Noch.

In nahezu gleicher Schlachtordnung stehen sich die Kontrahenten seit Mitte Februar in der Südpfalz gegenüber. Egon Ehlenberger will in Hinterweidenthal bei Pirmasens 1,2 Millionen Hühner auf Käfigflächen, so groß wie ein DIN-A4-Blatt, für seine Ehlego Landkost Eier legen lassen. An seiner Seite schreitet Bürgermeister Dieter Raber von der CDU: "Das gibt Arbeit und Brot für unsere Gemeinde." Sechzig Arbeitsplätze hat Ehlenberger, der bereits in der Nähe von Cottbus eine Anlage mit 1,4 Millionen Hühnern betreibt, zugesagt. Sofort marschierten aber auch hier die Tierschutzverbände auf - allen voran der VgtM. Anders als in Mecklenburg-Vorpommern erhielten sie schnell Unterstützung aus der Landeshauptstadt: Ministerpräsident Kurt Beck von der SPD zeigte sich "empört" und versicherte: "Man darf nicht alles machen, was man kann."

Vielleicht wird man bald auch nicht mehr können. Neubukow und Hinterweidenthal sind nur Nebenschauplätze. Entschieden wird in Karlsruhe.

Dem Bundesverfassungsgericht liegt eine Normenkontrollklage des Landes Nordrhein-Westfalen vor, die sich im Kern gegen die Käfighaltung richtet.

Noch bis Mitte dieses Jahres, so heißt es aus den Reihen der Kläger, wird das Gericht entscheiden. Wolfgang Schindler, Rechtsvertreter des Landes, führt einen Widerspruch zwischen Tierschutzgesetz und Hennenhaltungsverordnung ins Feld: Nach dem Tierschutzgesetz muß der Halter "das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen". Die Hennenhaltungsverordnung, 1987 noch vom damaligen CSU-Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle erlassen, beschränkt den Platz pro Huhn auf eine "Käfigbodenfläche von mindestens 450 Quadratzentimetern" - das ist so groß wie eine DIN-A4-Seite. Das widerspreche sich, so Schindler, denn in einem so kleinen Drahtgestell könne das Huhn nicht scharren, nicht picken und nicht einmal die Flügel strecken. Laut Grundgesetz dürften aber, so Schindler, Verordnung und Gesetz nichts Unterschiedliches bestimmen. Thomas Griese, Staatssekretär in Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsministerium, ist "daher sehr optimistisch, daß wir in Karlsruhe über die Käfighaltung hinwegkommen".

Nur in der Schweiz sind schon heute Legebatterien verboten

Doch in Karlsruhe haben es die Käfiggegner mit einer ganz anderen Streitmacht zu tun als in Neubukow oder Hinterweidenthal. Gegner ist das Bundeslandwirtschaftsministerium. Es steht noch heute zu der Kiechle-Verordnung und hat sie jetzt wieder vor dem Bundesverfassungsgericht verteidigt. Eine schlagkräftige Lobby weiß das zu schätzen. Vor allem die Nahrungsmittelindustrie braucht die billigen Käfigeier. Aber auch die pharmazeutische Industrie setzt auf die Eierfabrikanten als gute Kundschaft.

"Das ist inzwischen ein riesiger Markt", sagt Grünen-Politiker Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Mitglied im Agrarausschuß des Europäischen Parlaments. Dem Futter würden unter anderem Antibiotika beigemischt, um das permanent geschwächte Immunsystem der Käfighühner wieder zu stärken.

Das Landwirtschaftsministerium und der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft bemühen immer wieder gerne die Kraft des Faktischen, um die Käfighaltung zu rechtfertigen: Mehr als 90 Prozent der 18,5 Milliarden Eier, die in Deutschland jährlich gegessen oder verarbeitet werden, kommen aus Legebatterien. Rund 45 Millionen Hühner steckten 1996 in Käfigen. Wer das ändern wolle, müsse entweder viel weniger Eier essen oder statt wie bisher 23 Pfennig mindestens 30 Pfennig für ein Ei aus Bodenhaltung oder gar 40 Pfennig für eines aus Freilandhaltung bezahlen. Mehr als ein Viertel des deutschen Eierverbrauchs wird schon heute durch Großfabriken vornehmlich in Holland, Frankreich und Belgien gedeckt. Nach einem Verbot würde die ausländische Konkurrenz den restlichen Markt auch noch übernehmen, warnt die Käfiglobby.

Dieser Argumentation will Schindler nicht folgen: "Dann könnten wir auch Kinderarbeit wieder einführen." Statt dessen gilt es, so Graefe zu Baringdorf, die Käfigeier von zwei Seiten zu bekämpfen: Erstens müsse der Verbraucher in Deutschland über das Leid der Tiere informiert werden. Dann würde er von ganz allein nur noch Eier aus Boden- oder Freilandhaltung kaufen. Tatsächlich deutet sich eine leichte Trendumkehr bereits an: Von 1993 bis 1996 ist der Anteil der Käfigbatterien an allen Haltungsformen von 95,2 langsam aber stetig auf 93,3 Prozent zurückgegangen. Zweitens, so fordert Graefe zu Baringdorf, müssen in der Europäischen Union mehr Länder auf ein Verbot der Käfighaltung drängen. Allein in der Schweiz besteht seit 1992 ein Verbot.

Tatsächlich wird aus Brüssel in den nächsten Wochen ein deutliches Wort zur Käfighaltung erwartet. Franz Fischler, österreichischer EU-Kommissar für Landwirtschaft und Entwicklung des ländlichen Raumes, will sich - nach langem Zögern - des Themas annehmen. Schon im Oktober 1996 hatte ihm der Wissenschaftliche Veterinärausschuß der EU-Kommission ein Papier über das "Wohlergehen von Legehennen" vorgelegt. Doch allzu große Erwartungen hat Graefe zu Baringdorf nicht: "Fischler wird wohl höchstens die Fläche für die Käfige vergrößern, um das System insgesamt zu retten."

So ruhen die Hoffnungen der deutschen Käfiggegner also allein auf Karlsruhe.

Gefreut haben wird sie allerdings auch, was sie kürzlich aus der Provinz hören konnten. Zwar hatten die Investoren in Neubukow die Genehmigung zum Bau der Eierfabrik schon bekommen. Nur wird es aber vermutlich nichts mit einer Straße zu ihren Legebatterien. Denn die müßte über das Gebiet der 210-Einwohner-Gemeinde Krempin führen - was die aber per Ratsbeschluß abgelehnt hat. Bürgermeister Ulrich Brüsehafer ist sich seiner sechs Kollegen in der Gemeindevertretung sicher: "Wir haben uns sehr gut eingeschworen."