Der Chef lehnt sich in seinem Sessel zurück: "Junger Mann, Sie haben bei uns eine steile Karriere vor sich." Was soll man von solchen Sätzen heute noch halten? Im Zeitalter von Globalisierung und Computerrevolution kann kein Unternehmen seinen Mitarbeitern mehr ihren Job garantieren - geschweige denn eine bestimmte Laufbahn.

Karriereplanung wird zur Illusion. Vom Trainee über den Produktmanager zum Spartenleiter: In der stabilen Welt der Industriegesellschaft war damit noch zu rechnen. Heute ist nicht einmal sicher, ob die gewünschten Produkte und Sparten überhaupt noch existieren, wenn der aufstrebende Kandidat soweit ist.

Die Wirtschaft bewegt sich immer schneller. Selbst große Unternehmen werden von den Märkten gezwungen, flexible Organisationen einzuführen, in denen sich über Nacht Projektteams bilden können und neue Ideen zügig umgesetzt werden.

Immer mehr Leistungen vergeben sie nach außen an Kleinanbieter - Outsourcing heißt das auf globalisch. Viele junge Firmen halten die Stammbelegschaft ohnedies auf einem Minimum und bauen auf die Dienste selbständiger Spezialisten.

Die Arbeitswelt wird unsicher - auch für die hochqualifizierten Wissensarbeiter. Und nichts spricht dafür, daß sich diese Entwicklung bald verlangsamt. Nicht einmal die Chefs von Telekom, Daimler-Benz oder der Deutschen Bank können, wenn sie ehrlich sind, ihren Mitarbeitern irgendwelche Garantien geben. Das Bedürfnis nach Flexibilität spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt. Kaum mehr als sechzig Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten noch in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen: vollzeitig, dauerhaft, sozial abgesichert. Zu mehr als fünf Millionen Teilzeitbeschäftigten gesellen sich ebenso viele 620-Mark-Jobber, die gar keine soziale Sicherheit mehr kennen. Auf eine Million wird die Zahl der Scheinselbständigen geschätzt - sie bieten ihre Arbeitskraft selbständig an, bleiben aber von ihrem ehemaligen Arbeitgeber vollkommen abhängig. Dazu kommen immer mehr echte Freiberufler. Auch die Leiharbeit nimmt rapide zu, ebenso die Anstellung auf Zeit.

In diesem Umfeld wird "Karriere" zu einem frustrierenden Konzept. Wer sich auf eine bestimmte Laufbahn kapriziert, ist sehr verwundbar. Immer wieder müssen auch die Talentierten mit dem rechnen, was bisher Karriereknick gescholten wurde: Als neue Selbständige werden sie ein Projekt beenden und nicht sofort ein neues finden, als Chefs werden sie auf einmal ihre Mitarbeiter verlieren, als Angestellte werden sie mit schwankenden Gehältern rechnen müssen. Beruflich umzusatteln wird normal. Und kurze Phasen der Arbeitslosigkeit werden dann ebenfalls von der Ausnahme zur Regel.

Das ist das Ende der Karriere - jedenfalls im bisherigen Sinn. Gestern hat sich der Erfolg am Arbeitsmarkt vor allem in einer bestimmten Abfolge von Posten gezeigt, morgen wird er eher an einem breiten Portfolio von Fähigkeiten hängen, mit dem sich Erwerbstätige den veränderlichen Märkten anpassen können.