Die Diskussion über das Geld- und Sachvermögen von Holocaust-Opfern in den Tresoren ausländischer Banken hat fast vergessen gemacht, daß es zuallererst Deutsche waren, die am jüdischen Exodus und an den Deportationen in die Vernichtungslager profitierten. Noch immer bildet der Transfer jüdischen Vermögens in "arische Hände" ein weithin sorgsam gehütetes Geheimnis.

Mit seiner exemplarischen Fallstudie "'Arisierung' in Hamburg" hat Frank Bajohr, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Licht in das Dunkel dieses in der neueren deutschen Geschichte einzigartigen Besitzwechsels gebracht. Ihm ist es erstmals umfassend gelungen, die verschiedenen Gruppen zu beleuchten, die neben SS und deutschen Industrieunternehmen materiellen Vorteil aus Vertreibung und Holocaust zogen.

Die ökonomischen Folgen der "Arisierung" begünstigten, wie Bajohr deutlich macht, in erster Linie die mittelständische Wirtschaft. Bereits in den Anfangsjahren der NS-Herrschaft drängte ein im gewerblichen Mittelstand verbreiteter Antisemitismus auf die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden. Das Amt des NSDAP-Gauwirtschaftsberaters, das im Geflecht der konkurrierenden Behörden und Dienststellen der Partei zur wichtigsten Genehmigungsinstanz der "Arisierungen" avancierte, orientierte sich in seiner Praxis vor allem an Mittelstandsinteressen.

Daneben beteiligten sich auch die Oberfinanzdirektion und die Zollfahndung an der Verstärkung des wirtschaftlichen Druckes auf jüdische Unternehmen und an der materiellen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung. Reichsbehörden und regionale Institutionen arbeiteten Hand in Hand. Allein 1938/39 wurden in Hamburg 625 jüdische Unternehmen "arisiert" oder liquidiert insgesamt mußten in der Hansestadt mehr als 1500 jüdische Unternehmen ihr Eigentum aufgeben.

Korruption und Nepotismus bestimmten nach Bajohr den Charakter der "Arisierungen". Zahlreiche Funktionsträger der NSDAP bereicherten sich, indem sie jüdische Wohnhäuser zu Vorzugskonditionen erwarben. Der NSDAP-Gauleiter nutzte "Arisierungen" nicht nur als willkommene zusätzliche Einnahmequelle, sondern übereignete "arisierte" Firmen Parteigenossen und versicherte sich auf diesem Wege ihrer bedingungslosen Gefolgschaft. Der Judenreferent der Hamburger Gestapo zweigte 237 000 Reichsmark für persönliche Zwecke von einem Gestapo-Konto ab, auf das die Erlöse aus versteigertem jüdischen Besitz überwiesen wurden. Darüber hinaus profitierten Rechtsanwälte, Makler, Banken, Treuhänder, Auswanderungsagenten von der Zwangslage der verfolgten Juden. Der Autor spricht von "mafia-ähnlichen Cliquenbildungen".

Während des Krieges erweiterte sich der Kreis der Nutznießer. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht öffentlich jüdisches Eigentum angeboten und versteigert wurde. "Die einfachen Hausfrauen auf der Veddel trugen plötzlich Pelzmäntel", erinnert sich eine Hamburgerin, "handelten mit Kaffee und Schmuck, hatten alte Möbel und Teppiche aus dem Hafen, aus Holland, aus Frankreich. Es war das geraubte Eigentum holländischer Juden, die - wie ich nach dem Krieg erfahren sollte - schon in die Gaskammer abtransportiert waren."

Für ausreichenden Nachschub sorgte die "Vermögensverwertungsstelle" des Hamburger Oberfinanzpräsidenten, die ab Spätherbst 1941 den Versteigerern auch die Wohnungseinrichtungen deportierter Hamburger Juden zuführte. Zudem ließ die von dem "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" organisierte "Aktion M" (Möbel-Aktion) regelmäßig ganze Wohnungseinrichtungen in die Hansestadt transportieren. Insgesamt, schätzt Bajohr aufgrund ausführlicher und sorgfältiger Recherchen, dürfte allein in Hamburg zwischen 1941 und 1945 das Eigentum von mindestens 30 000 jüdischen Haushalten aus Deutschland und Westeuropa versteigert worden sein.