Nie werde ich die Weißwürstchen vergessen, die kurz vor elf bei einer Kultusministerkonferenz in München gereicht wurden. Zusammen mit Weißbier erzeugten sie erhebende Momente des Genusses, den nicht einmal die fortwährenden Lobreden auf das bayerische Abitur beeinträchtigten.

Auch der Bamberger Leberkäs, umspült von ungespundetem Kellerbier, verklärt meine Erinnerung an diese Konferenz, die ich - als Referent Berlins, Nordrhein-Westfalens und später als sächsischer Staatssekretär - von 1979 bis 1994 regelmäßig begleitet habe.

Meiner Zeit bei der KMK verdanke ich viel, vor allem profundes Wissen über die Köstlichkeiten aus deutschen Landen. Ihren Mitgliedern gewährt die Konferenz seit fünfzig Jahren tiefe Einblicke in die Gemütslage der Bundesrepublik. Mehrmals im Jahr tritt sie zusammen und inszeniert jedesmal neu ein aufregendes Ritual.

Donnerstag mittag

Mit überfüllten Aktenkoffern treffen die Teilnehmer ein. Glücklich, wer einem männlichen Referenten alle Akten aufbürden kann. Wer in der KMK etwas werden will, muß die Lasten anderer tragen können. Ich durfte immer die Aktenkoffer meiner Mitarbeiterinnen tragen.

Meist tagt die Konferenz in einem beschaulichen Bauwerk die Gemeinde ist historisch wertvoll und dem gastgebenden Minister besonders verbunden. Gleich nach der Ankunft der Teilnehmer spaltet sich die Konferenz in A-Länder (SPD-regiert) und B-Länder (CDUregiert). Selbst Minister aus großen Koalitionen tagen nach Parteibuch getrennt. Nur schwer hat die B-Gruppe mich als SPD-Mitglied, als sächsischen Fehltritt, in ihren Reihen ertragen. Aber es ging nicht anders, denn ich gehörte einer CDU-Alleinregierung an.

Beide Ländergruppen erörtern getrennt die Tagesordnung. Zwar sind die meisten Punkte längst von fleißigen Beamten bundesweit abgestimmt und vorentschieden, etwa die Ferienordnung, aber darauf kommt es nicht an. Es gilt jetzt, den in den Akten enthaltenen Rest kulturpolitischer Kreativität endgültig administrativer Koordination zu unterwerfen. Dabei kommt es darauf an, anstehende Entscheidungen in korrekt zusammengesetzte Beamtengremien zu verweisen und so lange dem Proporz zwischen A- und B-Ländern auszusetzen, bis alle Gegensätze überbrückt sind und das unschädliche Ergebnis einstimmig von der Konferenz verabschiedet werden kann. Nicht auf die Leistungsfähigkeit der Beamten kommt es an, sondern auf ihre erwiesene Bereitschaft, sich parteikonform zu krümmen.