Was eine niederländische Schlittschuhläuferin bewegt, wenn sie bei den Olympischen Spielen die deutsche Flagge ansehen oder die deutsche Nationalhymne anhören muß, wissen wir jetzt. Die eine sei zum Kotzen und die andere zum Weinen, sagte Carla Zijlstra.

Ob die französische Fahne oder die britische Hymne sie weniger irritiert hätten, wissen wir nicht. Die junge Holländerin war nach ihrem neunten Platz im 3000-Meter-Rennen enttäuscht und suchte sich, ohne groß nachzudenken, einen Blitzableiter. Das darf man nicht persönlich nehmen. Das ist ein Teil vom Ritual der grundsätzlich guten Beziehungen unter Nachbarn.

Denn auf Regierungsebene, von Kok zu Kohl und umgekehrt, herrscht Harmonie.

Auf kultureller Ebene blühen Austausch und Dialog. Während die Deutschen mit Harry Mulisch den Himmel oder sich selbst im "Berliner Tagebuch" von Cees Noteboom entdecken, führen die Niederländer Gespräche mit Brecht oder inszenieren einen "Matthäus zum Mitsingen". Bach für alle und "aus voller Brust" ("Noten bitte mitbringen"), Brecht live aus dem Jenseits. So weit, so gut.

Aber dann, alle paar Jahre wieder, unter dem Trommelwirbel der Meinungsforscher vom Clingendael-Institut, stören schrille Dissonanzen die schöne Harmonie. "Arrogant", "dominant" und "kriegslüstern" sind die Adjektive, die niederländischen Mittelschülern einfallen, wenn sie an Deutschland und seine Bewohner denken. So erfragt und angekreuzt in drei repräsentativen Umfragen aus den Jahren 1993, 1995 und 1997.

Nach dem ersten Schock dachten die Regierenden nach, gründeten ein Deutschland-Institut in Amsterdam und organisierten den Schüleraustausch.

Nach dem zweiten Schock widmeten sich Soziologen, Psychologen, Linguisten und Germanisten auf beiden Seiten dem Problem. Es half nichts: Alle zwei Jahre, wenn wieder so ein Clingendael-Typ mit seinem Fragebogen vorbeikommt, läßt der Nachwuchs der Niederlande wissen: "Die Deutschen sind arrogant, dominant und kriegslüstern."