die zeit: Europa will dieses Jahr vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf keine Resolution gegen China einbringen, die Peking an den Pranger stellt. Hätten Sie der Europäischen Union zu ein wenig mehr Mut geraten?

Martin Lee: Ich kann den Europäern nur raten: Steht zu euren Prinzipien! Das ist nicht nur politisch der richtige Weg, auch wirtschaftlich bringt das Vorteile. Jedenfalls langfristig.

zeit: Die Europäer fürchten offenbar, zuviel Kritik gegenüber Peking könne sie um lukrative Geschäfte bringen.

Lee: Theoretisch haben Europäer und Amerikaner zwei Möglichkeiten, ihre Unternehmen in den chinesischen Markt zu bringen: Entweder sie machen den Kotau, oder sie achten ihre Prinzipien und sagen, daß die Menschenrechte überall auf der Welt gelten, bei ihnen zu Hause wie in China. Was aber wird die Pekinger Führung tun, wenn sie die nächsten Milliardenaufträge vergibt?

Jenen Kerl, der auf Knien rutscht, haben sie schon in der Tasche. Aber den anderen, der aufrecht steht, müssen sie noch für sich gewinnen. Das lassen sie sich etwas kosten.

zeit: Frankreich hat sich schon voriges Jahr gegen eine EU-Resolution zu China ausgesprochen - und dann gute Geschäfte gemacht.

Lee: In der Tat, Peking hat anschließend bei den Franzosen etliche Exemplare vom Airbus bestellt. Seither gilt für mich das bittere Motto: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - aber Airbus über alles.