Europas Filmemacher sind nervös. Sollte das jüngste OECD-Abkommen zur Regelung multilateraler Investitionen tatsächlich verabschiedet werden, wäre Schluß mit der exception culturelle, der Ausnahmeregelung für kulturelle Handelsgüter. Die amerikanischen Kinomultis könnten sich auch die restlichen Marktanteile (in Deutschland noch 20, in Frankreich 37 Prozent) unter den Nagel reißen, ungehindert die europäischen Fördertöpfe ausschöpfen und jenen Urheberrechtsschutz in Anspruch nehmen, den die USA ihrerseits Ausländern verwehren. Dagegen machten europäische Regisseure in der vergangenen Woche mobil. Gemeinsam mit vielen Kollegen protestierten Bertrand Tavernier, Costa-Gavras und Jean-Jacques Beineix gegen die drohende Uniformierung ihrer Kultur. Das Tribunal fand jedoch nicht auf der Berlinale statt, sondern in Paris. Berlin schickte nur eine Grußadresse: die Bankrotterklärung eines Festivals, für das es doch Ehrensache sein müßte, den Überlebenswillen des unabhängigen Kinos zu stärken.

Währenddessen würdigte Berlinale-Chef Moritz de Hadeln seinen diesjährigen Ehrengast, die wunderbare Catherine Deneuve, nicht eines Lächelns. Zur Pressekonferenz begleitete er die schönste Schauspielerin der Welt, ohne auch nur das Wort an sie zu richten. In der Filmwelt ist de Hadelns mangelnde Gastfreundlichkeit berüchtigt - und die Stars, auch die amerikanischen, bleiben fern. Sie kommen nach Cannes und Venedig, aber nicht nach Berlin. Das liegt nicht nur am Wetter, sondern auch am Zynismus der großen Konzerne, die sich um die deutschen Fans nicht weiter scheren. Und es liegt am Berlinale-Direktor, der in der Branche kaum Respekt genießt. So paart sich Arroganz mit Willfährigkeit.

In den Nebenreihen des diesjährigen Festivals, vor allem im Internationalen Forum, herrschte durchaus jene Atmosphäre der Neugier und Aufmerksamkeit, die das kommerzielle Kalkül mit Charme bezwingt. Im lieblos präsentierten Wettbewerb dagegen überwogen Hochglanzprodukte und gefällige Harmlosigkeiten.

Der Gewinner des Goldenen Bären, "Central do Brasil" von Walter Salles, beginnt zwar mit atemberaubenden Szenen am Bahnhof von Rio. Nach kaum dreißig Minuten verkümmert der Film jedoch zum sentimentalen Melodram. Salles opfert seine Handschrift der Konvention - und die Berlinale tut es ihm gleich.

Solange es bei der unseligen Konkurrenz zwischen den Festivalsektionen bleibt, kann sich daran nichts ändern. Wenn das Festival zur Jahrtausendwende an den Potsdamer Platz umzieht, wird es einen konzeptionellen Neuanfang setzen müssen. Sonst ist auch an der Spree bald Schluß mit der exception culturelle.