1931

Er war einer der beliebtesten russischen Sänger, in der Zeit zwischen den dreißiger und fünfziger Jahren. Jeder im Land kannte seine volkstümlichen Zigeunerlieder und Tangos "Tschernye Glaza" zum Beispiel, "Schwarze Augen".

Seine Musik gehörte dazu, wenn Datschenkolonien das Wochenende feierten.

Doch offiziell existierte er nicht. Seine Schallplatten mußten aus dem Ausland hereingeschmuggelt oder heimlich nachgepreßt werden, denn dem Sowjetsystem galt er als ein Reaktionär: Pjotr Leschenko, der "König des russischen Tango".

Zu sehr verkörperte seine Musik das alte Rußland vor der Industrialisierung und der Revolution. Dabei war der Tenor, geboren 1898 bei Odessa, aufgewachsen in Bessarabien, seit 1918 gar kein Russe mehr. Nachdem Rumänien im Ersten Weltkrieg seine Heimat besetzt hatte, war er zum Exilanten wider Willen geworden. Gerade deshalb wurde er von vielen russischen Emigranten überall auf der Welt besonders geliebt: Nächtelang konnten sie vor dem Grammophon sitzen, seiner Stimme zuhören und dabei an die verlorene Heimat denken.

Nun ist seine Stimme wieder zu hören, und zwar auf dem Berliner Label Oriente in einer Überspielung von Schellackplatten auf zwei CDs. Die digitale Bearbeitung blendet alles Rauschen und Knistern aus, ohne den Aufnahmen ihre Patina zu nehmen. Die CD "1931" versammelt unter dem Titel "Gypsy Songs & other Passions" 23 Zigeunerlieder, Tangos und Walzer aus dem Jahre 1931. Die zweite CD, "1935", enthält 21 "Tangos, Foxtrots & Romances".

Ob Salon-Tango, Gassenhauer oder Romanze im Birkenwäldchen: Die Aufnahmen klingen so gegenwärtig, als seien sie direkt aus den dreißiger Jahren ins Jetzt transportiert worden. Leschenko zieht alle Register der Gefühle, besonders bei den vielen nur für ihn geschriebenen Tangos. Nie wirkt seine Interpretation kitschig. Das gilt vor allem für die sparsamen, fast minimalistischen Orchesterarrangements von 1935, von denen er viele selbst schrieb.