Ikonen sterben nicht. Diana, säkulare Heilige des ausgehenden 20.

Jahrhunderts, lebt fort, als Objekt unstillbarer Neugier und wilder Spekulationen. Seit der Ermordung John F. Kennedys hat kein Tod mehr solche Emotionen ausgelöst. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Unfall von Paris, profitiert die "Todesindustrie" (diesen Namen prägte ein empörter Tony Blair) von einer neuen Welle des Diana-Wahns. Ausgelöst wurde sie von eilig geschriebenen Büchern, die die "ganze Wahrheit" versprechen. Um die Vorabdruckrechte für "Der Tod einer Prinzessin" rangelten seriöse Blätter wie die Times, US-Magazine und Boulevardgazetten wie Bild.

Die Autoren, zwei amerikanische Reporter, rührten eine clevere Mischung zusammen - aus Liebesgeschichte, Krimi und Tragödie. Sie garnierten das Ganze mit genug Zutaten, um der Theorie vom Mordkomplott gegen Diana und Dodi Vorschub zu leisten. Thomas Sancton und Scott MacLeod sind zu klug, um sich diese bizarre These zu eigen zu machen. Aber sie breiten Fakten, Ungereimtheiten und Phantasien ausführlich genug aus, um auch paranoide Zeitgenossen zu befriedigen. Als besonders ergiebige Quelle erwies sich bei ihren Recherchen Mohammed al-Fayed, der Vater von Dianas Geliebtem. Der ägyptische Millionär und Besitzer von Harrods ist ein bitterer, enttäuschter Mann vom britischen Establishment, das ihm die ersehnte britische Staatsbürgerschaft seit langem schon verweigert, fühlt er sich verraten und nun auch noch seines Sohnes beraubt. Für ihn war es "zu 99 Prozent" eine Verschwörung, um "einen Nigger als Halbbruder des künftigen Königs zu verhindern".

Längst nicht nur in der arabischen Welt sind Millionen von Menschen vom Wahrheitsgehalt dieser Erklärung felsenfest überzeugt. Durch Großbritannien geistert eine patriotisch eingefärbte Variante: In bürgerlichen Kreisen kann man beim Dinner hören, die Mordaktion des Secret Service sei absolut gerechtfertigt - eine Ehe zwischen Prinzessin und muslimischem Playboy hätte unbedingt verhindert werden müssen. Im Buch bleibt nichts unerwähnt, was diese Version auch nur im entferntesten unterstützen könnte. Die Autoren kommen zu dem Schluß, ein mysteriöser weißer Fiat Uno und ein Motorrad seien in den Unfall verwickelt gewesen, hätten sich dann aber aus dem Staub gemacht. Warum, lassen sie offen. Dunkel deuten sie an, die französischen Behörden hielten mit der Wahrheit zurück, ohne ein klares Motiv und handfeste Indizien zu liefern.

Angebliche Schwangerschaft und Verlobung Dianas sind unverzichtbare Versatzstücke der Verschwörungstheorie. Sie liefern das Motiv. Ohne sie gibt es keine Gefahr für königliche Familie und Thron, keinen Mordplan, keine Geheimdienstaktion. Es ist bezeichnend, daß al-Fayed und Dodis Butler als die einzigen "Verlobungszeugen" präsentiert werden.

Betrachtet man die schillernden Umstände des Lebens von Diana, gab es wahrscheinlich nie eine realistische Chance, daß ihr Tod als tragischer Unfall widerspruchslos akzeptiert werden würde. Alle bislang vorliegenden Indizien deuten auf nichts anderes hin. Desungeachtet dürfte die These vom Mordkomplott eher noch an Boden gewinnen: Es herrscht weitverbreitete Verwirrung, und eine globale Medienindustrie weiß, daß sich Sensationen und Mysterien besser verkaufen.

Thomas Sancton, Scott MacLeod: Der Tod einer Prinzessin Die Wahrheit über Dianas Ende Verlag Droemer Knaur, München 1998 360 S., 29,90 DM