Der König aller Kaschmirpullover raunte es uns als erster zu. "Gehen Sie zu Colette!" befahl Lucien Pellat-Finet. Dann rief eine Freundin an: "Du mußt hin! Sie haben die neueste Ausgabe von Visionaire." Längst gilt das amerikanische Magazin (ZEIT Nr. 20/97) auch in Paris als Muß. Und als hätte es noch eines letzten Beweises bedurft, ließen sich bei den Haute-Couture-Schauen im Januar die amerikanischen Modejournalistinnen nie ohne große Einkaufstüten mit "Colette"-Aufdruck sehen.

213, Rue St. Honoré. Nicht einmal ein Jahr ist der Laden alt und schon eine der ersten Adressen unter den Luxusgeschäften. Wie schafft man das? Zum Rendezvous an der "Water Bar" im Kellergeschoß von Colette, wo die durchtrainierte Kundschaft zwischen 59 Sorten von Mineralwasser wählen kann, erscheint Sarah. Die 22jährige ist einer der Colette-Chefs und sieht wirklich hip aus: kurzer Haarschnitt nach Art von Tim ohne Struppi, blendendweiße Nike an den Füßen, handgestrickte Kaschmirjacke und eine Hose von Daryl K., beides im obligatorischen Schwarz. "Wir wollten in Paris etwas Neues machen", erklärt Sarah mit ihrer hellen Mädchenstimme. "Leuten, die sagen, Paris sei tot, und die deshalb immerzu nach New York und London düsen, wollen wir zeigen, daß auch hier noch Interessantes entstehen kann." Sarahs Mutter, eine bekannte Modegeschäftsfrau, fand das eine gute Idee, gab Geld und ist der Boß.

Colette ist sozusagen drei Läden in einem. Auf 700 Quadratmetern und drei Ebenen wird Konfektion und Design der klassischen und weniger klassischen Moderne geboten. Weil Sehen allein nicht immer satt macht, können sich erschöpfte Shopper zwischendurch drunten im Basement-Restaurant zum Lunch niederlassen eine Idee, die hier und da auch in Deutschland vorsichtig getestet wird, nach dem Grundsatz: Leerer Magen kauft nicht gern.

Protz ist out, so viel wird deutlich hier. Alles ist hell und raffiniert ausgeleuchtet. "Wir fanden diese Räume sehr schön, als sie noch leer standen", berichtet Sarah. "Wir wollten für Colette keine Architektur wie bei Prada oder Gucci. Alles sollte roh-ursprünglich, einfach und natürlich aussehen." Minimalistisch eben. Kleiderstangen mit Jacken verschiedener Größen oder gar gewöhnliche Drehständer sucht man hier vergeblich auch ist niemand anzutreffen, der durch die Bügel fingert. Selbstbedienung ist nicht vorgesehen. Was man wünscht, wird vom Personal in der passenden Größe herbeigeholt.

Zusammenstellen, was nicht zusammengehört Das schafft Raum, der sich verschwenderisch nutzen läßt. Jedes Objekt wird inszeniert - gleichgültig, ob es nun eine Vase zu 40 Franc oder ein Pullover für 7300 Franc ist. Außerdem lieben Colette-Dekorateure, zusammenzustellen, was nicht zusammengehört. Nebeneinander liegen im Schaukasten Modeschmuck von La Molla und edles Handwerksgerät, etwa eine Zange von Bucktool. Sneakers von Reebok treten neben der Rosenthal-Serie Suomi auf, eine Lampe von Ingo Maurer versöhnt sich mit Tom Dixons "Dubble Bubble"-Vase. "Jedes Stück hat einen ästhetischen Esprit. Unsere Auswahl ist subjektiv, aber wir sind für alle Produkte offen."

Das gilt wohl auch für die Kunden. Die fünf Einkäufer von Colette, angetrieben von stets hungriger Nachfrage, müssen ganz schön schuften, um ihre Ware zu finden. "Wir reisen viel, sehen uns die Kollektionen der bekannten Marken an, aber mehr noch versuchen wir, junge Leute zu finden, an die wir glauben. Wir wollen die ersten sein."

In der ersten Etage werden derzeit aufblasbare Plastikskulpturen von Tom Dixon und Jeremy Lord ausgestellt drei Wochen lang, dann ist der nächste Nachwuchskünstler dran. Aber auch Arrivierte finden ihren Platz bei Colette.