HAMBURG Wenn der Tourist Reeperbahn und Hafen hinter sich gebracht hat, verirrt er sich manchmal in den Michel. Die Michaeliskirche, ein wuchtiger Barockbau, gilt als Wahrzeichen von St. Pauli. Doch bevor man einen Blick in das Innere werfen kann, muß ein kleiner Kasten passiert werden: Der Besuch der Kirche kostet eine Mark.

Weiter nordwestlich liegt die Johanniskirche im Stadtteil Altona. Sie kann kaum auf Touristen zählen, die einen Obolus leisten, aber auch sie muß renoviert werden, soll den Gottesdienstlern sonntags nicht der Putz auf die Köpfe rieseln. Gerade ist ein aufwendiger Umbau abgeschlossen worden. Kosten: schlappe acht Millionen Mark. Darin enthalten sind neue Fenster einer buddhistischen Künstlerin sowie eine Hebebühne im Altarraum - denn St.

Johannis mutiert zum Kulturzentrum, dem ersten seiner Art in Deutschland.

Der Kirchenvorstand hat die Zeichen der Zeit erkannt, denn die Etats der Landeskirchen und Gemeinden schmelzen wie Schnee in der Sonne. Die Johanniskirche versucht, einen neuen Weg einzuschlagen. Die Idee kommt aus den Niederlanden. Dort gibt es Kirchen, die verkauft worden sind, in denen sich jetzt Museen, Geschäfte, Wohnungen befinden. Es gibt Kirchen, die vermietet werden, tageweise oder für bestimmte Veranstaltungen. Schließlich auch solche, die Kulturarbeit in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Der Kirchenvorstand von St. Johannis entschied schließlich, seine Kirche für sechs Tage in der Woche zu vermieten. Für viele Gemeindemitglieder bleibt das auch nach mehrjähriger Diskussion immer noch anstößig. Denn da, wo einmal die Sakristei war, geht es in Zukunft zum Künstlerklo. Im letzten Jahr hat der Kirchenvorstand den Kulturmanager Thomas Stölting für das Projekt "Kulturkirche Altona" gewonnen. In ein paar Wochen gehört dann die Kirche zwar noch der Kirche, aber montags bis samstags hat nur die gemeinnützige GmbH Kulturkirche darüber zu entscheiden, wer im Altarraum tanzt.

Geschäftsführer Stölting war noch nie im Sonntagsgottesdienst bei seinen Arbeitgebern. Doch vom Potential des Gotteshauses ist er überzeugt. Unter den mahnenden Augen des Propheten Elia soll der kultivierte Stadtbewohner kreativer Popmusik lauschen oder sich an Diskussionsforen beteiligen, Tanztheater genießen oder Feste feiern, meint Stölting. Schon während der Renovierungsarbeiten sah die Kirche so verschiedene Veranstaltungen wie eine anthroposophische Totenfeier und die Verleihung einer goldenen Schallplatte an den Rapper Nana. Der ließ bei dieser Gelegenheit den Geist des Ortes nicht links schweben, sondern trug des längeren aus der Bibel vor.

Die Bischöfin sieht dem Betrieb um die Kultur wohlwollend zu. Zwar habe man die Gemeinden nicht angetrieben, selbst auf Lösungen für den schmalen Säckel zu verfallen, doch sehe man Anstrengungen hierzu gern, sagt Hamburgs First Kirchenlady Maria Jepsen. Sie gehört zu jenen, die aus der Not der Kirchen eine Tugend machen wollen und sich Ideen auf die Fahnen geschrieben haben.