Die Revolution von 1848 hatte ihre Signale schon ausgesandt, als man sich in Preußen noch immer im Traumland der Restauration wähnte. Allem liberalen Drängen auf eine Reform des Strafrechts zum Trotz baten König und Justizminister im Februar 1848 den Polizeipräsidenten Julius Freiherr von Minutoli, einen befürwortenden Bericht über die Prügelstrafe zu verfassen.

Die körperliche Züchtigung, so Minutoli, widerspreche keineswegs der Würde des Menschen sie richte sich nur auf das Tierische seiner Natur, denn es sei das Tierische im Menschen, von dem das Verbrechen ausginge. Ihm könne nicht, so sah es die ins Wanken geratene staatliche Autorität, mit den "superhumanistischen Bestrebungen theoretischer Weltverbesserer", sondern nur mit der "Zauberruthe des Gerichtsdieners" begegnet werden.

In seinem Buch über Verbrechen und Strafe im 19. Jahrhundert, das an die große Untersuchung über "Capital punishment in Germany 1600-1987" (1996) anschließt, versucht einer der besten Kenner der deutschen Geschichte, der in Cambridge lehrende englische Historiker Richard Evans, denjenigen, die in der Vergangenheit zur "deutschen Unterwelt" gehörten, ihre historische Würde zurückzugeben. Es waren Menschen am Rand der bürgerlichen Gesellschaft, die dem Normdruck dieser Gesellschaft nicht standhalten konnten oder wollten und die von ihr wie ,Tiere' auf Entfernung gehalten wurden - gefürchtet, zugleich aber auch begafft.

Evans wählt fünf Lebensgeschichten als Einstieg in die große Geschichte von Recht und Unrecht, von Repression und Rebellion aus. Der Spürsinn des Autors für historisch Besonderes und seine überragende Kenntnis der archivalischen Überlieferung machen dieses Buch zu einer ebenso spannenden wie lehrreichen Lektüre. Entlang der "authentischen Geschichte" eines Fälschers, der um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in die Mühlen der Justiz geriet, beschreibt Evans die Strafpraxis der Deportation eine trunksüchtige, widersetzliche Landstreicherin bekam in Bremen den grausamen "Geist der Rute" wiederholt zu spüren ein Hochstapler nutzte die Revolutionsphobie der Behörden wie auch die Dynastieverbundenheit gutbürgerlicher Kreise aus, um an seiner kriminellen Karriere zu stricken an dem Roman "Tagebuch einer Verlorenen" geht Evans dem Leben der vielen Verlorenen nach, die im späten 19.

Jahrhundert als Prostituierte in die "Sperrbezirke" (Regina Schulte) der bürgerlichen Welt verbannt wurden. Diese "adrette" Welt gaukelte sich vor, jenseits von Kriminalität und Alkoholismus zu stehen wie groß diese Selbsttäuschung war, zeigt Evans am historischen Wahrheitsgehalt eines von einem Hamburger Richter verfaßten Romans.

Das Buch tritt mit dem Anspruch auf, über "Mikrostudien" eine neuartige Sicht auf die Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu eröffnen. Diesem Anspruch wird nur bedingt Rechnung getragen. Es ist vielmehr das Werkzeug des traditionellen Historikers, dem diese Untersuchung ihren wissenschaftlichen Wert verdankt.

Bewußt entfernt sich der Autor "weit" von den individuellen Schicksalen, um historisch Gehärtetes über die Unterwelt mitzuteilen. Sie war eine "parallele Welt, die zwar durch einen unsichtbaren Vorhang von der ehrbaren Gesellschaft getrennt, aber auf jeder Ebene ihr verborgenes Abbild war".