Und wie's mit dem Leben nun mal so ist: davon bekommen die einen, was sie sich nehmen, und die anderen, was für sie übrigbleibt. Ersteres gilt vor allem für Nedra, die zentrale und zentrierende Figur des Romans. Sie ist die Mutter und Ehefrau, aber auch die Freundin und Liebhaberin. Leben ist für sie keine Frage der Konvention oder des Gewissens, es ist vielmehr ein großes Versprechen, auch wenn man es bisweilen daran erinnern muß, daß man noch was bekommen sollte. So kriegt Nedra zwar nicht alles, aber doch eine ganze Menge: Beweis genug, denn was zählt, ist ja nicht das Ende, sondern die Summe gelebten Lebens.

Und, Hand aufs Herz oder sonstwohin, haben wir uns das nicht auch immer wieder mal so vorgestellt? Oder wenigstens gewünscht? Gerade, weil bei uns in der Regel alles viel zu wahr ist, um schön zu sein? Tatsächlich haben wir ja leider kein Haus am Hudson, und wir müssen auch ein bißchen häufiger über so was wie Beruf und Geld nachdenken (und gelegentlich sogar über Politik, die in diesem Buch von 1975 so gut wie gar keine Rolle spielt).

Ebendeshalb lieben wir bekanntlich Romane wie diesen, des vielen Schönen wegen, das sie für uns bereithalten. Natürlich sind die Frauen schön, aber die Männer sind es irgendwie auch, es ist Schönheit, die von innen kommt. Die Zimmer sind kühl, der Martini eiskalt ("Es war wie ein Wetterumschwung"), alle haben das Richtige gelesen, und die eine Tochter wird tatsächlich Lektorin. Zur Strafe bleibt sie als einzige auch ohne Mann, die anderen aber können lieben, daß man grün vor Neid wird, und mit lieben meine ich hier vögeln, auch wenn James Salter dieses Wort natürlich nie benutzen würde.

Tatsächlich versteht er es auf hochprofessionelle Weise, die Kunst des Scheins mit einem Schein von Kunst zu umgeben. Das Schönste an diesem Buch, das muß nun mit allem Ernst ausgesprochen werden, das Schönste sind eben doch die (von Beatrice Howeg geschmeidig ins Deutsche gebrachten) Sätze von James Salter. Sanft und verführerisch setzt er sie hintereinander und erfindet immer neue Bilder und Vergleiche, die einen in die Knie zwingen (selten habe ich in einem Buch so oft "wie" gelesen).

Ein Beispiel (und wehe, das gefällt Ihnen auch nicht): Jemand erinnert sich an "Stunden, die wie eine zerrissene Halskette in einer Schublade waren".

Oder: Einer hat "ein Gesicht, das das Alter auseinandertrieb wie nasses Papier". Ja, auch wenn ziemlich rasch klar wird, daß nichts im Leben so bleiben darf, wie es ist, bleibt Salter selbst ganz ruhig, ganz konzentriert, höchstens daß er einmal dazwischenruft: "Ich wünschte, es hätte anders sein können."

Das wünscht der Leser dann natürlich auch, denn er ist ja längst auf der Seite des Autors, der eben ganz auf der Seite seiner Figuren ist, aber es hilft allen nichts, das Leben geht nun einmal den Bach runter. Oder, wie es bei Salter am Ende so schön heißt: "Es ist alles ein einziger langer Tag, ein endloser Nachmittag, Freunde gehen fort, wir stehen am Ufer."