Kein Denkmal kann dem, woran es erinnern soll, angemessen sein. Nicht einmal der einfache Grabstein entspricht dem Leben, das er vermerkt. Es sind zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, indem sie etwas miteinander zu tun zu haben vorgeben. Vor vielen Denkmälern steht der Nachgeborene verständnislos: Ohne andere Hilfe als das Denkmal hat er den Anschluß an das Erinnerte verloren.

Grundsätzlich kann das bei einem Denkmal für die Opfer des Holocaust nicht anders sein. Auch wenn es die Wunde, an die erinnert wird, länger offenhält.

Im Rückblick auf das Jahrhundert wird das Entsetzen, die Pein, das Unbegreifliche zu begreifen, noch größer, und wir machen die Erfahrung, daß uns heute die Denkmäler aus dem Ersten Weltkrieg mehr Nachdenken abringen als damals in der Nachkriegszeit des Zweiten das muß damit zusammenhängen, daß der verständlichere Wahnsinn des Ersten mit dem unbegreiflichen des Zweiten Weltkriegs kumuliert.

Ich teile die Meinung von Walter Jens in der FAZ, daß es im Fall des Berliner Mahnmals keinen Weg gibt: "Es geht nicht. Dem Schrecken aller Schrecken kann durch keine monumentale Kranzniederlegungsstätte entsprochen werden." Es kann - schon der Ausdruck ist abscheulich - keine "künstlerische Lösung" geben, die der Entsetzlichkeit adäquat wäre. Alles Gebaute wird eine verhängnisvolle Tendenz haben, gegen sich selber zu sprechen. Seit man besser weiß, was sich an dem vorgesehenen Ort unter dem Boden verbirgt, erscheint selbst der Ort den Opfern der Verbrechen nicht mehr zumutbar. Nichts tun ist manchmal besser, als etwas Verlegenes zu tun.

In diesem besonderen Fall aber, wo so viel Nachgedachtes (um mit Dürrenmatt zu sprechen) nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, ist das Dilemma da: Es wird kein Denkmal geben, das man bauen kann (selbst dann nicht, wenn man eines bauen wird) nun kann man aber auch nicht nichts mehr machen.

Warum Steine, wenn ein Wort schon genügt? "Jude", dieser Name, der nicht nur benennt, sondern ausgrenzt und zurückschlägt, ist doch das Erinnerungszeichen, über das wir stolpern und stolpern müssen, solange das Gedächtnis reichen wird. Daß es Juden als selbstverständliche Mitglieder der deutschen Gesellschaft nicht mehr geben sollte, das muß als Skandal immer wieder ganz konkret zu erleben sein. Warum nicht den zentralsten, den stolzesten Platz in der neuen Hauptstadt auf den Namen "Judenplatz" taufen?

Man wird sich dort verabreden, auf dem Judenplatz. Eine U-Bahnstation wird so heißen. Dem Taxifahrer wird man die Adresse angeben, Judenplatz. Man wird das Verdrängte bei jeder Gelegenheit aussprechen. Es braucht fünf, sechs Straßenschilder, sonst nichts. Es muß aber der bedeutendste, der Potsdamer Platz sein. Ein Judenplatz in Sichtweite der Regierung, die Regierenden in Sichtweite des Platzes, die Bürger auf ihn angewiesen. Das ist das Denkmal, das weh tut.