Pjotr Aleschkowski: "Der Iltis" aus dem Russischen von Alfred Frank Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997 228 S., 38,- DM - "Vor nicht allzu vielen Jahren, aber auch nicht gerade gestern, als Stargorod noch reich an scharfsinnigen und fröhlichen Menschen war, fand sich ein ganz netter Männertrupp unterschiedlichen Alters - durch den grimmigen Frost von der Straße vertrieben - im Nebenraum eines kleinen Gemüseladens zusammen, der bis zum Anbruch des historischen Materialismus auf der Haupts traße, der Piterskaja, als Wachlokal gedient hatte." Wer würde da nicht aufmerksam?

Saloppes Augenzwinkern, kräftiges Lokalkolorit und jede Menge erzählerische Einzelheiten sind zu erwarten.

Und tatsächlich. Der Wein ist billig, zu den Männern gesellt sich ein Weib, und als einer der Trinker der ebenso alkoholisierten Sojka an den Rock greift, fühlt er eine Nässe, die sich als Fruchtwasser erweist. Der ganze Trupp begleitet die Achtzehnjährige zur Klinik. Das Kind wird auf Seite fünf geboren, und auf Seite fünfzig macht sich Daniil, der krummbeinige "Iltis" - als Baby von der Säuferin vernachlässigt, aufgezogen von der Großmutter -, aus dem Staub und wandert in den Norden. Der kleine Daumenlutscher ist ein durchtriebener Einzelgänger geworden. Die Liebe ist "wildes albernes Gelächter, unerträglicher Ammoniakgestank vom ,Weiber-Klo', die irrsinnige Schönheit der Sportlerinnen beim Endspurt im Schulstadion, Gerüche von angesengten Feldern und einem feuchten Hundefell, Kamillenduft und ..." - und Shenka, die sich für eine Jungenbande prostituiert, bis Iltis den Anführer vom Dach stürzt und seine Kumpels an die Polizei verrät. Auf Seite fünfzig, noch kein Barthaar ist ihm gewachsen, ist er schon ein Mörder.

Diese fünfzig Seiten, auf denen das Kunststück vollbracht wird, eine drastische Entwicklung rasant und dennoch mit unsentimentaler Einfühlsamkeit zu schildern, müssen den Verlag überzeugt haben. Doch das Buch hat deren weitere 177, bei denen die Erzählkunst des russischen Autors auf der Strecke bleibt. Kaum hat sich der Iltis in die Büsche geschlagen, in Wald und Moor, Eis und Schnee, wird er zum Naturburschen, der endlos Lagerfeuer anzündet, Elche verfolgt und Auerhähne schießt. Zwar läßt ihn Aleschkowskij wieder in die Zivilisation zurückkehren, wo er Ikonen restauriert, bevor er den Popen ausraubt dann aber schickt er ihn erneut in die Wildnis. Der Außenseiter zwischen Elch und Ikone: Die Thematik von Schuld und Sühne, verlorenem Sohn und Reue, Gottesferne und Erleuchtung wirkt wie der anachronistische Vorwand für eine ebenso anachronistische Geschichte von höherer Gewalt und Männereinsamkeit.