Wirtschaftspolitik

Nicht zu Unrecht gilt Gerhard Schröder als Freund der Unternehmer: Er ist schließlich von Leuten aus der Wirtschaft geprägt worden. Der Unternehmensberater Roland Berger hat Schröder nach der Wahl 1990 "als Mittler und Berater" an die Hand genommen, "bevor er sich emanzipiert hat, was ja Sinn der ganzen Angelegenheit war", berichtet der Topberater. Aber: "Alles, was ich ihm theoretisch erzählt habe, war sicher weniger wirkungsvoll als die Tatsache, daß ich ihm die Flugzeugwerft Lemwerder geschaukelt habe", meint Berger. Die Daimler-Tochter Dasa wollte das Werk 1991 schließen.

Schröder lerne, so Berger, "vor allem durch Erfahrung". Neben Berger hat der frühere Veba-Manager Werner Müller dazu beigetragen, Schröder zum Freund der Wirtschaft zu formen. Das Energieunternehmen fürchtete nach dem Amtsantritt der rotgrünen Koalition in Niedersachsen einen Kurswechsel in der Energiepolitik und setzte einen Krisenstab ein. Dessen Mission, so Müller: "Wie kann Schröder Erfolg haben, ohne daß wir abgemeiert werden?" Dem Ministerpräsidenten wurde die Gründung einer Energieagentur angetragen, schlüsselfertig, samt Mitarbeitern aus dem Unternehmen versteht sich.

Die Agentur bewährte sich als eine Art Schiedsinstanz. Die Ambitionen der Energiewirtschaft waren damit aber noch nicht befriedigt: Für ein symbolisches Honorar von einer Mark pro Monat wurde Müller Schröders Berater bei den Energiekonsens-Gesprächen, und er stellt rückblickend fest: "Er ist von seiner Überzeugung her ein Gegner der Kernenergie. Erst nach langer Diskussion hat er verinnerlicht, daß ein Land wie die Bundesrepublik sich baufähig halten muß." An dieser Position halte er fest, auch wenn ihm das in der Partei schade: "Bei dem finden Sie null Opportunismus."

Roland Berger, Werner Müller und einige Spitzenmanager aus der Industrie diskutieren mit Schröder auch im Wirtschaftsforum der SPD. Daraus gingen die "Dresdner Thesen" hervor, in denen Schröder eine Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft durch mehr Wettbewerb, produktive Unruhe, Bereitschaft zu mutigen Brüchen fordert - innovatives Produzieren sei wichtiger als Verteilen. Im Wahlkampf spricht er allerdings nicht darüber.

Bei Volkswagen, wo er als Ministerpräsident im Aufsichtsrat sitzt, entschied sich Schröder auf Drängen Bergers nicht für den politisch nahestehenden Daniel Goedevert, sondern für den schwierigen Ferdinand Piëch als neuen Vorstandsvorsitzenden. Neben Lemwerder und der hannoverschen Messegesellschaft war VW die dritte Lehrwerkstatt für den Wirtschaftspolitiker Schröder.

Zum Pragmatismus, mit dem er sich dafür einsetzt, landeseigene Zulieferer zu berücksichtigen, trat nach und nach eine nationale Komponente: Gemeinsam mit Edmund Stoiber und Erwin Teufel organisierte Schröder 1994 den Autogipfel, eine Lobbyaktion, bei der nur rein inländische Produzenten wie VW und Mercedes erwünscht waren, keine "ausländischen" wie Opel und Ford. Diese Melodie nahm Schröder Anfang des Jahres wieder auf, als er den beabsichtigten Verkauf von Preussag Stahl an die österreichische Voest-Alpine zur Gefahr für Tausende von Arbeitsplätzen aufbauschte: "Das Entscheidungszentrum muß im Land bleiben", fordert der Modernisierer, der damit in krassen Widerspruch zu seinem Credo gerät, man müsse "die Herausforderungen der Globalisierung annehmen". Die kongeniale Ergänzung dieser Modernisierung in Schwarz-Rot-Gold bildet seine Kritik am Euro: Auch hier entschied er sich dafür, Befürchtungen wegen der Entgrenzung der Geldpolitik nicht entgegenzuwirken, sondern sein großes Verständnis dafür zu bekunden.